Show don´t tell: Schwache Adjektive vermeiden

Es gibt diverse Ratschläge, die man in Schreibratgebern findet. Mit einem möchte ich mit heute auseinandersetzen. Er lautet: „Verwenden Sie keine lahmen Begriffe wie z.B. Wunderschön“. Was hat es mit „Wunderschön“ auf sich? Was ist an dem Wort falsch?

Eigentlich erst einmal gar nichts. Aber warum existiert dann dieser Hinweis? Gibt es einen logischen Grund? Bei genauerem Nachdenken findet man sehr schnell eine Fülle von Gründen. Aber beginnen wir ganz von vorne. Wunderschön ist ein Adjektiv, leider aber ein sehr schwammiges. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt bekanntlich ein Sprichwort. Das Adjektiv hat diverse Synonyme, deren Nutzung man als Autor auch in Zweifel ziehen kann, z.B. das Wort Hübsch. Es deckt eine zu breite Palette an Eigenschaften ab und lässt – allein verwendet – den Leser im Unklaren.

Nehmen wir beispielsweise den Satz:

Monique war ein wunderschönes Mädchen, das die Blicke auf sich zog.“

Das ist ein typischer Satz, der unter die Rubrik „Erzählen“ fällt. Der Autor erzählt dem Leser, dass Monique ein wunderschönes Mädchen sei. Das kann man nun glauben oder auch nicht, denn alleine verwendet, sagt wunderschön überhaupt nichts! Für den einen Leser ist jemand mit einer langen, blonden Mähne wunderschön, für einen anderen zählt die Form und Länge der Beine, der andere sieht …

Die Beispiele ließen sich beliebig aufzählen. Das ist das Problem mit schwammigen Adjektiven, wie hübsch, wunderschön oder auch klasse. „Monique war eine klasse Braut.“ Was sagt das aus? Nichts!

Verlassen wir die Beschreibung von Menschen und wenden uns der Beschreibung eines Zustandes zu. Stellen wir uns einen Autor vor, der seine Romanfigur nach dem Aufstehen sagen lässt: „Es ist ein wunderschöner Morgen.“

Die Beschreibung ist auch hier reines Erzählen. Was genau macht denn diesen Morgen so wunderschön? Welche Gefühle will der Autor seinen Lesern vermitteln? Kann der Leser die Schönheit des Morgens sehen, sie nachempfinden?

Nein! Denn der Autor lässt ihn im Regen stehen. Mit etwas mehr Anstrengung hätte man die schal schmeckende Zone des Erzählens verlassen und die gut gewürzte des Zeigens betreten können. Man hätte beispielsweise folgendes über den Morgen sagen können:

Der Morgen könnte wunderschön sein, weil

  • die Sonne nach beinahe fünf Tagen mit ununterbrochenem Regen wieder scheint
  • nach zwei Monaten der drückenden Hitzewelle die Regentropfen auf die Scheibe des Dachfensters prasseln und der Wind eine angenehme kühle Luft in das Schlafzimmer weht
  • der Personalchef der Firma anruft, bei welcher der Romanheld sich gestern beworben hat, und ihm mitteilt, dass er die Stelle bekommt
  • die Freundin aus dem Bad gerannt kommt und sagt, dass der Schwangerschaftstest positiv ausfällt (oder auch negativ, je nach Kontext der Handlung)
  • der Romanheld im Lazarett aufwacht und realisiert, dass er die grausame Schlacht überlebte

Für sich allein gestellt, sagen weder die Adjektive wunderschön, hübsch, hässlich usw. irgendetwas. Fügt man aber nur wenige Beschreibungen dazu, bekommen sie einen tieferen Sinn.

Von Mark Twain ist der Satz überliefert: „Wenn Sie ein Adjektiv finden, erschießen Sie es sofort!“

Ich denke, er wollte etwas anderes damit sagen: „Verwenden Sie keine schwachen Adjektive“. Reihen Sie sich nicht ein in die Gruppe der Autoren, die ihren Lesern etwas von einem tollen Auto, einer wunderschönen Frau, einem klasse Job oder einem guten Arbeitsplatz erzählen. Solche Begriffe sagen nämlich rein gar nichts darüber aus, was denn an dem Arbeitsplatz so gut sein soll, was das Auto toll macht oder aus welchen Gründen auch immer eine bestimmte Frau als wunderschön bezeichnet werden kann.

Sollte man das Wort “Wunderschön” oder seine Verwandten also niemals in einem Roman verwenden? Das wäre zu viel des Guten. Ich persönlich mag Verbannungen von Worten nicht. Im Sinne von Mark Twain sollte man bei der Überarbeitung  seiner eigenen Story nach Adjektiven Ausschau halten und sie markieren. Dann geht es um die Frage, ob das Adjektiv an dieser Stelle ein Lebensrecht besitzt, oder nicht. Wunderschön braucht also nicht den Weg zu gehen, den Twain für Adjektive vorsieht. Findet man es bei der eigenen Nachkorrektur, so sollte man es kritisch beäugen. Was sagt es aus? Kann man ihm Freunde zur Seite stellen, welche es in einen tieferen und aussagekräftigen Kontext stellen?

„Es war ein wunderschöner Morgen“ macht also nur in einem größeren Zusammenhang Sinn. Wie beispielweise diesem:

Suzan sah aus dem Fenster. Die dunklen Wolken bekamen erste Löcher, durch welche sich das Licht der Sonne seinen Weg bahnte. Die Tropfen auf dem Rasen glitzerten wie ein Juwelenband. Nach dem heftigen Regen der letzten fünf Tage endlich ein Zeichen der Wetteränderung. „Was für ein wunderschöner Morgen“, sagte Suzan.

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Bildquelle

  • ID-100257513_1904: witthaya phonsawat freedigitalphotos.net

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