Show don´t tell – ein Profibeispiel

Show don´t tell (Zeigen, nicht erzählen) ist das Mantra, das Autoren eingehämmert wird. Doch warum macht es Sinn, den Rat zu befolgen? Wieso ist es auch nützlich für ganz normale Leser? Wie können sie davon profitieren und ihren Lesegenuss erhöhen? Ich präsentiere ein passendes Beispiel.

Der Roman „Schnee, der auf Zedern fällt“ von David Guterson enthält am Anfang eine Passage über eine Gerichtsverhandlung. Sie begeisterte mich gleich beim ersten Lesen und ich halte sie für ein Paradebeispiel für den positiven Effekt von Show don´t tell. „Schnee, der auf Zedern fällt“ ist übrigens auch sonst lesenswert. Einen Hinweis möchte ich geben: Die Handlung geht ungefähr so schnell vorwärts wie eine Schneeflocke, die aus der Wolke dem Boden entgegenschwebt. Wer also keine Zeit für Beschreibungen und manchmal langatmige Handlungsstränge hat, sollte das Buch eher nicht lesen.

Dieser Gerichtssaal, in dem Richter Llewellyn Fielding den Vorsitz führte, lag ganz am Ende eines nasskalten, zugigen Flurs im dritten Stock des Island County-Gerichts und war so schäbig und klein, wie Gerichtssäle so sind. Ein Raum von grauer, karger Schlichtheit – eine schmale Tribüne, ein erhöhter Sitz für den Richter, ein Zeugenstand, ein Holzpodium für die Geschworenen und abgenutzte Tische für den Angeklagten und den Staatsanwalt.

Die Geschworenen saßen mit angestrengt ausdruckslosen Gesichtern da und mühten sich, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Männer, zwei Gemüsebauern, ein Krabbenfischer im Ruhestand, ein Buchhalter, ein Zimmermann, ein Bootsbauer, ein Kaufmann und ein Decksmann von einem Heilbuttfänger, trugen alle Jackett und Krawatte. Die Frauen hatten ihre Sonntagskleider angezogen, eine von ihnen war Kellnerin gewesen, jetzt im Ruhestand, eine arbeitete als Sekretärin in einer Sägemühle, zwei waren Ehefrauen von Fischern und sehr nervös. Als Ersatzgeschworener fungierte ein Friseur.

Ed Soames, der Gerichtsdiener, hatte auf Richter Fieldings Verlangen die Heizung kräftig unter Dampf gesetzt, und nun ächzten die Heizkörper in den vier Ecken des Raumes hin und wieder. Sie sorgten für eine drückende feuchte Hitze, die aus allen Winkeln säuerlichen Schimmeldunst aufsteigen ließ.

An jenem Morgen schneite es draußen vor den vier hohen, schmalen Bogenfenstern, deren Bleiglas viel bleiches Dezemberlicht durchließ. Ein Wind vom Meer trieb die Flocken gegen die Fensterscheiben, wo sie schmolzen und Rinnsale bildeten. Hinter dem Gerichtsgebäude zog sich die Stadt Amity Harbor bis zur Küstenlinie der Insel hinunter. Auf den vereinzelten Hügeln der Stadt lagen – nur schattenhaft erkennbar – ein paar baufällige, dem Wind ausgesetzte viktorianische Villen, Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit der Begeisterung für das Leben am Meer. Die dahinterliegenden Hänge waren dicht mit Zedern bewachsen und noch grün. Der Schnee verwischte die klaren Konturen dieser Zedernhügel. Der Seewind trieb die Flocken unaufhaltsam landeinwärts gegen die duftenden Bäume, und Schnee senkte sich leise und unerbittlich auf die obersten Äste.

Es gibt kaum eine Beschreibung, vor der ich mehr den Hut ziehe, als diese. David Guterson versteht sein Handwerk. „Schnee, der auf Zedern fällt“ landete einen Bestseller, der in 30 Sprachen übersetzt wurde.

Wie zieht der Autor den Leser hinein in die Atmosphäre der Handlung? Am Anfang bekommen wir einen Gerichtssaal gezeigt, der am Ende eines nasskalten und zugigen Flures liegt. Es entsteht ein erstes Bild im Kopf. Guterson erzählt dann, dass der Saal schäbig und klein sei um gleich darauf zu zeigen, was man sich darunter vorzustellen hat. Einzelne Möbel werden genannt. Der Autor verzichtet auf mehr Details, da er davon ausgeht, dass seine amerikanischen Leser das Aussehen eines Gerichtssaals kennen.

Es ist Winter, die Heizung läuft unter voller Last, das Metall der Heizkörper – jedes in einer Saalecke – ächzt. Wahrscheinlich sind viele Leute mit feuchten Kleidern in den Raum gekommen, deswegen breites sich dort nun eine drückende (hohe Luftfeuchtigkeit) und auch säuerliche Luft aus. Der Gerichtssaal liegt am Ende eines nasskalten Flures. Es ist also wahrscheinlich, dass Schimmel dort ein ständiger Gast ist. Man riecht ihn.

Guterson spricht in der Szene folgende Sinne an:

Sehen: Beschreibung des Saales, der Möbel

Riechen: säuerlicher Schimmelgestank

Fühlen: die drückende, feuchte Luft im Raum

Hören: Die Heizkörper ächzen (wahrscheinlich knacken die Metallverbindungen)

Damit sind vier von fünf Sinnen bedient worden. Respekt!

Die Beschreibung der Geschworenen zeigt Durchschnittsmenschen. Man sieht den Querschnitt der örtlichen Bevölkerung und merkt sofort, dass Amity Harbor ein Provinznest ist.

Im vorherigen Beitrag behandelte ich das Buch eines Autors, der bei einem Zuschussverlag veröffentlichte und für die Beschreibung eines Weingutes nicht mehr übrig hatte, als nichtssagende, langweilige Adjektive. Bei Bedarf kann man meine Kritik dazu nachlesen und den Text des Autors mit dem von Guterson vergleichen.

Es ist wie der Unterschied zwischen einem klapprigen, rostigen Auto und einem glänzenden Mercedes. Oder anders gesagt: Erzählen im Gegensatz zu Show don´t tell in Höchstform.

Ein weiteres Detail zeigt Guterson zu Beginn, nämlich die Atmosphäre, die sich durch das Buch ziehen wird. Sie spielt im Winter, einer Jahreszeit, die man mit gedrückter Stimmung verbindet. Guterson hätte den Sommer wählen können, oder den Frühling. Aber er entschied sich für den Winter, da es besser zur Handlung und der Grundstimmung der Protagonisten passt. Er kann so das Wetter in die Handlung einbeziehen und das macht er außerordentlich geschickt:

Das Dezemberlicht ist bleich = Verstärkung der eher traurigen Stimmung

Die Schneeflocken schmelzen am Glas, es bilden sich Rinnsale = wie an einem verregneten Tag

Die Villen auf den kaum sichtbaren Hügeln sind baufällig = Eindruck einer Siedlung, welche ihre beste Zeit schon lange hinter sich hat. Das passt gut zum zugigen, nasskalten Gerichtssaal und dem Schimmel. Auch die öffentlichen Gebäude sind in einem schlechten Zustand.

Die Zedernbäume sind grün, doch der Wind bläst unerbittlich Schneeflocken auf die Äste = Eindruck eines drohenden Unheils. Saftiges, duftendes Grün wird bedeckt von kaltem Schnee. Eis siegt über Grün.

Ein Anfänger – z.B. der im vorherigen Beitrag – hätte wahrscheinlich so formuliert:

Amity Harbor war eine Stadt, die ihre beste Zeit schon hinter sich hatte. Mit dem Fischfang verdiente man nicht mehr so viel Geld wie früher. Die Leute arbeiteten in gewöhnlichen Jobs und konnten sich kaum noch Reparaturen ihrer Häuser leisten. An dem heutigen Tag gab es eine wichtige Gerichtsverhandlung und es fiel Schnee. Es war nämlich Winter, vom Meer her wehten Schneeflocken auf die Stadt. Die Menschen froren und liefen mit dicker Kleidung herum. Im Gerichtssaal hatte man deshalb die Heizung voll aufgedreht. Weil viele Besucher feuchte Sachen trugen, war die Luft schwül. Wegen der Winterzeit war die Stimmung der Zuschauer eher gedrückt.

Wieso klingt der Text schlecht? Nun, ich habe keinen menschlichen Sinn bedient, sondern nur erzählt und mich dabei um besonders langweilige Sätze bemüht. Ich hoffe, es hat geklappt. Die Erzählweise weckt keine Bilder im Kopf des Lesers, sie ist eher einfältig, und ob die Stimmung wirklich gedrückt ist, kann man glauben oder auch nicht. Man „sieht“ es als Leser nicht, das ist das Hauptproblem. Ebenso wird man nicht in die Handlung hineingezogen, sondern hält Abstand. Eine Stadt mit Problemen? Na und? Wen interessiert das? Die Leute frieren im Winter? Was ist daran ungewöhnlich? Eine Gerichtsverhandlung? Gähn! Passiert da bald irgendetwas?

Das ist der Unterschied zwischen Erzählen und Show don´t tell.

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