Realistische Romanfiguren erschaffen

Das Hauptproblem jedes Autors stellt die Erschaffung einer Persönlichkeit dar. Damit meine ich genau das: eine Persönlichkeit, echte Romanfiguren mit Ecken und Kanten, Höhen und Tiefen. Leider erschaffen viele nur einen Pappaufsteller. Wie lässt sich dieser Fehler vermeiden? Lesen Sie mehr:

Das Hauptproblem vieler, die ihre erste Geschichte niederschreiben, ist oft die Erschaffung von Witzfiguren an Stelle echter Romanfiguren. Der große Held beispielsweise ist genau das: ein Held. Aber auch nur das. Er stürzt sich ohne Zögern in Kämpfe gegen böse Monster, befreit die hübsche Prinzessin von dem schlimmen Zauberer oder befolgt ohne Murren und Knurren jeden Befehl. Beispielsweise las ich einmal eine Story über einen König, der aus seiner von Monstern belagerten Burg seine zwei Kinder im Säuglingsalter heimlich wegschaffen will. Für diese großartige Aufgabe ist natürlich niemand besser geeignet, als der Top-General, der Chef der Verteidiger der Burg. Der General führt in der Story den Befehl ohne Zögern aus und nimmt ein paar Getreue und eine Amme für die Säuglinge mit. Natürlich kommt von diesen Leuten kein Widerspruch, sondern sie nicken den Auftrag kommentarlos ab.

Grundsätzlich ist so ein Verhalten nicht unmöglich, aber es ist trotzdem hanebüchen. Wieso gehorcht der General ohne Zögern? Wieso will er nicht die Verteidigung der Burg leiten, wo er doch der Top-Mann für den Job ist? Würde die Moral der Verteidiger nicht sinken, sobald sie erfahren, dass ihr Anführer sich aus dem Staub gemacht hat? Die Begleiter haben keine Familienangehörigen in der Burg, weshalb sie diese einfach so verlassen? Die Amme, da sie die Säuglinge ernähren soll, hat nicht zufällig kürzlich ein Kind zur Welt gebracht? Ansonsten würde die Biologie der Handlung im Weg stehen. Nebenbei bemerkt, waren das nur ein paar der vielen Logikfehler in dieser Fantasy-Story.

Ein weiterer typischer Fehler bei der Erschaffung einer weiblichen Romanfigur ist die Mary-Sue. Diese Romanfigur ist grundsätzlich das hübscheste und intelligenteste Wesen der ganzen Handlung. Leider gibt es da die böse Zicke, die ihr aus lauter Bosheit dauernd Steine in den Weg legt, über sie lästert und partout selber das Herz des wundervollen, ebenfalls wunderhübschen Schönlings erobern will. Natürlich siegt am Ende die Mary-Sue, nachdem Schönling endlich erkannte, dass Mary-Sue die wahre Liebe ist und nicht die olle Zicke. Interessanterweise erliegen junge Autorinnen häufig der Mary-Sue. Sie erschaffen eine Romanfigur, wie sie sich selbst gerne sehen: Wunderhübsch, super intelligent, aber leider von bösen Mächten umgeben, die das Leben schwer machen. Mag sein, dass die Autorinnen richtig liegen betreffend ihrer Sicht auf sich selbst, doch eine Romanfigur, die super intelligent und super hübsch ist und jedes Problem im Handumdrehen löst, ist keine Romanfigur sondern eine Witzfigur.

Beide Storys haben eines gemeinsam: Sie versprechen schon auf der ersten Seite nur Langeweile. Die Romanfiguren agieren wie Roboter und der Leser erkennt sofort, dass der Autor, die Autorin im Hintergrund die Fäden zieht. Natürlich ziehen Autoren im Hintergrund die Fäden. Sie erschaffen Welten und Personen darin und heben oder Senken den Daumen, entscheiden das Schicksal der handelnen Personen.

Die überaus wichtige Idee dahinter ist jedoch, dass die Fäden unsichtbar sein müssen. Wie erreichen die Profis das?

Lernen wir uns kennen, liebe Leser

Spielen wir Interview. Ich bin der Interviewer und stelle Ihnen folgende Fragen:

  • Geburtsdatum:
  • Höchster Schulabschluss:
  • Wohnort:
  • Familienstand:
  • Hobbys, Interessen:
  • Beruf:
  • Augenfarbe:
  • Haarfarbe:
  • Gewicht:

Herzlichen Dank für die Teilnahme. Nun sind wir alte Freunde, oder? Jetzt weiß ich alles über Sie und kann Sie ausgezeichnet einschätzen. Ich kann Ihr Verhalten vorhersagen.

Nein, kann ich nicht?

Äh, okay. Hm, mal überlegen. Was habe ich vergessen? Hm, vielleicht, das, was Sie zu dem gemacht hat, was Sie heute sind? Ihre Persönlichkeit, Ihre Charakterzüge, Ihre Art und Weise mit Y auf das Problem X zu reagieren?

Gut, dann stelle ich Ihnen ergänzende Fragen:

  • Was hat Sie in Ihrem Leben richtig glücklich gemacht?
  • Wann und wie haben Sie herausgefunden, dass das Leben nicht wirklich fair ist?
  • Wer oder was hat einmal Ihr Herz gebrochen?
  • Welches Erlebnis hat Ihr Selbstbewusstsein besonders gestärkt?
  • Wann sind Sie das erste Mal über sich selbst herausgewachsen?
  • Was war das romantischte Ereignis in Ihrem Leben?
  • Wann waren Sie das erste Mal so richtig verliebt?
  • Was oder wen finden Sie einfach nur zum Kotzen?
  • Welches Erlebnis hat Sie stark mitgenommen?
  • Welche Getränke und Speisen finden Sie unwiderstehlich?
  • Könnten Sie die Welt regieren, was würden Sie sofort ändern?
  • Wenn Sie durch die Zeit reisen könnten, welchen Punkt in Ihrem Leben würden Sie ändern? Was war Ihr größter Fehler bisher?
  • Was ist das größte Ziel, das Sie in Ihrem Leben unbedingt noch erreichen wollen?

Nehmen wir an, ich kenne die Antwort auf jede der obigen Fragen. Könnte ich Sie dann gut einschätzen? Ich denke schon, denn Sie sind die Summe Ihrer Lebenserfahrungen, sowohl der guten wie auch der schlechten. Bestimmte Ereignisse haben Sie geprägt, Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind. Natürlich bleiben Sie nicht stehen. Sie entwickeln sich weiter aufgrund der Dinge, die Ihnen morgen oder übermorgen passieren.

Schlagen wir den Bogen zu Romanfiguren, die Sie so realistisch wie möglich erschaffen sollen. Auch diese bestehen nicht nur aus Haarfarbe, Gewicht und Schulabschluss. Wenn Sie Romanfiguren darauf beschränken, erschaffen Sie lediglich nutzlose Pappfiguren. Sie ist so zweidimensional wie Pappfiguren nun einmal sind. Von vorne schön anzusehen, doch sieht man dahinter, erkennt man nichts.

Ändern Sie das, lernen Sie Ihre Romanfigur besser kennen und stellen Sie ihr alle Fragen, die ich oben aufgeführt habe. Denken Sie sich weitere Fragen aus. Sie bekommen schnell ein Gefühl dafür, mit wem Sie es in Ihrer Story zu tun haben.

Damit die Fäden unsichtbar bleiben, erschaffen gute Autoren Handlungen, die ihre Romanfiguren aufgrund des individuellen Charakters der Personen genau in die Richtung treiben, die für die Handlung nötig ist. Die Leser, die nun die Figur kennengelernt haben, akzeptieren die vielen Twists und Turns.

Sie wissen, dass die Romanfigur aufgrund ihres individuellen Charakters gar nicht anders handeln kann als so, wie der Autor/die Autorin es sich anfangs ausgedacht hat.

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