In 5 Schritten einen Bösewicht erschaffen

Eine gute Story lebt nicht nur von einer guten Heldin, die allen Widrigkeiten trotzt, sondern auch von den Widerständen, die sie überwinden muss. Leider straucheln viele AutorInnen bei der Erschaffung eines Bösewichts, wobei der Name eigentlich falsch ist. GegenspielerIn passt besser. Lesen Sie, warum ich das denke.

Eine gute Story lebt von Gegensätzen, wie bei folgenden klassischen Beispielen

Batman und Joker

Sherlock Holmes und Professor Moriarty

Katniss Everdeen und Präsident Snow

Luke Skywalker und Darth Vader

Harry Potter und Lord Voldemort

Je größer der Gegenspieler, umso spannender die Story, umso mehr Mitfiebern mit Heldin oder Held. Schafft sie/er es?

Leider begehen Autorinnen und Autoren oft immer die gleichen Fehler: Heldin oder Held ist nicht nur gut, sondern läuft mit Heiligenschein herum. Außerdem ist er/sie mit unglaublicher Intelligenz gesegnet oder grundsätzlich bei allen Mitmenschen auf Anhieb beliebt. Damit ähnelt die Heldin nicht nur der klassischen Mary Sue (oft das gewünschte Selbstbild von Autorinnen), sondern sie ist eine echte Pappaufstellerin. Die Karikatur einer Heldin, so unglaublich gut, dass sie vor allem eines ist: unglaubwürdig.

Unter anderen Vorzeichen fällt die Erschaffung des Gegenspielers aus. Er/sie ist grundsätzlich böse, kann sich mit Mitmenschen nie normal unterhalten, sondern brüllt sie unentwegt an. Zusätzlich quält er vielleicht Katzen oder stellt alten Omas ein Bein und lacht über ihr Hinfallen. Eventuell ist er noch potthässlich, während die Heldin schon den Vertrag einer Modelagentur in der Tasche hat. Mary Sues sind beispielsweise meistens superhübsch, unglaublich schlau und unglaublich beliebt. Eine echte Mary Sue, wie im Bilderbuch. Die Gegenspielerin einer Mary Sue muss deswegen hässlich, unbeliebt und strunzdumm sein.

Derartige Protagonisten eines Romans erzeugen Langeweile und sagen vor allem eines: meine AutorIn ist AnfängerIn. Sie kann es nicht besser.

Wie kann man es besser machen?

Man muss sich verabschieden vom Schwarz/Weiß Denken. Niemand ist nur gut oder nur böse. Jeder Mensch hat einen komplexen Hintergrund, entstanden durch Kindheit, Erfahrungen und üblichen Handlungsweisen. Jeder Mensch verfolgt gewisse Ziele im Leben. Wie diese Ziele durchgesetzt werden sollen, definiert diese Person als Protagonist oder Antagonist in einem Roman. Zwei Menschen könnten sich beispielsweise für den gleichen Job bewerben. Wie reagiere ich auf Konkurrenz? Indem ich vor allem meine positiven Seiten betone und hoffe, dass das reicht? Oder beginne ich damit, böse Gerüchte über die andere Seite in die Welt zu setzen? Vielleicht schmuggle ich auch Abführmittel in das Getränk der Konkurrenz. Leider kann sie deshalb nicht zum Vorstellungsgespräch, weil nun das WC ihr neues Zuhause ist. Wie weit geht ein Mensch, um seine Ziele zu erreichen?

Nehmen wir Batman und Joker. Wer sich näher mit diesen Personen beschäftigt, findet vor allem heraus, dass keinem die Rolle in die Wiege gelegt wurde. Batman wurde zum Kämpfer für Gerechtigkeit durch den tragischen Tod seiner Eltern. Joker hat eine ganz andere Geschichte.  Die Erfüllung ihrer persönlichen Ziele macht sie zu Gegenspielern. Ich vergleiche es gerne mit zwei Zügen, die auf demselben Gleis aufeinander zurasen. Es gibt nur ein Gleis, keiner will freiwillig anhalten. Der große Knall ist unvermeidbar.

5 Schritte zum perfekten Bösewicht

  1. Humanität

Der erste Schritt bei der Erschaffung des „Bösewichts“ ist es, ihm/ihr positive Seiten zu geben. Eine Profikillerin könnte beispielsweise Katzenliebhaberin sein. Vielleicht spendet sie auch gerne Teile ihres Lohns an die Obdachlosenhilfe? Sie könnte eine alte Frau als Nachbarin haben und trägt ihr gerne schwere Einkaufstaschen die Treppe hoch. Sie hat eine Schwester mit Kleinkindern und zeigt sich als spendable Tante. Profikillerin wurde sie durch ein traumatisches Ereignis in der Vergangenheit. Nie wieder soll jemand auf ihr herumtrampeln. Töten verschafft ihr Selbstbewusstsein, das Gefühl von Allmacht. Eben weil ihr in der Vergangenheit übel mitgespielt wurde, hilft sie nun gerne Katzen, den Obdachlosen, der alten Frau mit den Einkaufstaschen.

Selbst die allerschlimmsten „Bösewichte“ Ihrer Story müssen gute Seiten haben, etwas, das sie für LeserInnen zumindest ein wenig liebenswert macht. Vermeiden Sie einfach gestrickte Charaktere. Je komplexer, vielleicht widersprüchlicher, umso besser.

2. Held in den eigenen Augen

Es gibt einen schönen Spruch: Jeder Antagonist ist der Protagonist in seiner eigenen Geschichte. Vermeiden Sie einen „Bösewicht“ mit Schaum vor dem Mund, der dauernd jedem klar macht, wie böse er ist. Selbst die schrecklichsten Menschen der Geschichte sahen sich nie selbst als böse. Im Gegenteil. Sie handelten aus „höheren“ Zielen, sahen sich als Werkzeug der Vorsehung, als großer Feldherr. Nehmen wir Julius Cäsar. Die Eroberung Galliens war für ihn ein wichtiger Schritt auf der Karriereleiter und ein Mittel zur „Befriedung“ tumber Eingeborener durch die höherstehende römische Zivilisation. Die Gallier dachten sicherlich anders über ihn, für sie war er der Anführer einer Mörderbande, die gnadenlos Städte zerstörte und Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppte.

„Bösewichte“, Antagonisten, verfolgen eigene Ziele und halten sie für durchaus vernünftig und ehrenwert. Geben Sie Ihrem Antagonisten einen Grund, Stolz auf die eigenen Leistungen zu sein, sich als Held zu sehen, der einen guten Zweck verfolgt. Jeder Mensch hat einen komplexen Charakter, auch der „Bösewicht.“

3. Ziele

Ich habe es kurz angesprochen, aber der Punkt ist besonders wichtig. Der „Bösewicht“ darf nicht sprichwörtlich in einem dunklen Schloss sitzen und darauf warten, dass der Held die aufgestellten Fallen überwindet und ihn zum Endkampf auffordert. Solche Antagonisten sind so langweilig wie zwei Meter Feldweg.

Jeder Mensch hat Lebensziele. Auch der „Bösewicht“ braucht ein Ziel, das er unbedingt verwirklichen will. Die Umsetzung des Ziels schürt den Konflikt mit dem Protagonist. Idealerweise erfolgt ein gegenseitiges Hochschaukeln. Erst vereitelt die HeldIn ein kleines Unterziel, weckt dadurch erstmals die Aufmerksamkeit der GegenspielerIn. Diese reagiert mit einem Ausweichmanöver, um doch noch die eigenen Ziele durchsetzen zu können. Die HeldIn findet es heraus und reagiert ihrerseits. Die HeldIn will aus bestimmten Gründen, die z.B. in ihrer Weltsicht begründet sind, die Umsetzung der Ziele verhindern. Erst jetzt erkennt die GegenspielerIn, wer ihr dauernd ein Bein stellt und verschärft die Politik der Durchsetzung ihrer Ziele.

Darth Vader will das Imperium erhalten und seinen Sohn Luke auf die dunkle Seite ziehen.

Präsident Snow will die Herrschaft des Kapitols erhalten und Aufstände der Provinzen im Keim ersticken.

Lord Voldemort will, dass nur reinrassige Zauberer existieren.

Kurz gefasst: Ihre Ziele machen Antagonisten zu dem, was sie sind.

4. Bedrohung

Sollten Sie keine Komödie schreiben wollen, darf Ihr Antagonist keine Witzfigur sein. Vergessen Sie den bösen Burgherrn, der eine bestimmte Person finden will und von schlauen Dorfbewohnern dauernd aufs Kreuz gelegt wird. Der seine Reiter losschickt, die aber schon aus der Ferne erkannt werden, weil die Dorfbewohner Wachen aufgestellt haben. Der nach jeder Niederlage schmollend in der Burg verschwindet und dann mit dümmeren Plänen als zuvor wieder herauskommt. Lassen Sie Ihren Antagonist nicht Plankton auf der Suche nach dem geheimen Burgerrezept sein, der von Spongebob immer enttarnt wird. Das funktioniert nur in Comics.

Ihr Antagonist muss eine ernste Bedrohung sein. Um das zu erreichen, muss er auch mal gewinnen, Held oder Heldin in tiefe Verzweiflung stürzen. Dunkle Stunden machen einen guten Roman aus. Stunden, in denen die Heldin nicht mehr weiter weiß, um Gefährten trauert, sich fragt, ob das alles überhaupt einen Sinn hat. Ob Aufgeben nicht die bessere Alternative ist.

Sorgen Sie dafür, dass Aufgaben keine Alternative ist, denn danach wären die Schrecken noch viel größer.

Je mehr HeldInnen sich anstrengen müssen, je größer die Risiken und die Probleme sind, umso spannender wird die Geschichte. Zwei Tennisspielerinnen, die einander auf dem Platz nichts schenken, die in der Punktzahl knapp beieinander liegen, sind der Garant für begeisterte Zuschauer.

5. Anwesenheit

Wie bereits ausgeführt sollte Ihr „Bösewicht“ nicht dauernd im dunklen Schloss auf einem Thron aus Schädeln seiner Opfer sitzen und auf die Ankunft des Widersachers warten. Er muss, wenn auch nicht persönlich, immer präsent sein. Zumindest im Gefühl.

HeldInnen könnten auf seine Leute treffen, das Resultat seiner Handlungen sehen oder seine Pläne erfahren. Bei Harry Potter taucht Voldemort erst in späteren Bänden persönlich auf. Seine Handlanger trifft Harry aber seit Beginn. Auch kann es sinnvoll sein, dass die Menschen über den Antagonist nur reden, sei es in Form von „du weißt schon wer.“ Die Existenz des „Bösewichts“ muss spürbar sein, die Umgebung des Helden in irgendeiner Form beeinflussen. Gleichzeitig muss spürbar sein, welche Folgen der Sieg für die Welt haben könnte. Das ist der Grund für den Helden, nicht aufzugeben, sondern trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen.

Die Beeinflussung der Welt durch den Antagonisten ist abhängig von der Geschichte, die Sie schreiben. Es muss nicht immer die Apokalypse sein, weil die Mächte der Finsternis gewinnen. Die Auswirkungen können subtiler sein. Am Arbeitsplatz erzählt Ihre Gegenspielerin Gerüchte über Sie. Menschen hören plötzlich auf zu reden, sobald Sie in Hörweite sind. Als Sie ein Auto auf Kredit kaufen wollen, besteht der Händler seltsamerweise auf Barzahlung. Versandhändler nehmen Sie nicht als Kundin an. Der Grund: Irgendwas passiert im Hintergrund, jemand hat Sie im Visier. Sie machen sich auf die Suche und treffen auf Hindernisse.

Wie bei vielen Dingen gilt auch bei der Gestaltung des Bösewichts: Viele Wege führen nach Rom. Was sind Ihre Erfahrungen? Haben Sie eigene Ideen als Ergänzung? Benutzen Sie die Kommentarfunktion.

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