Romanplot gestalten – keine Hexerei

Aufgrund von Nachfragen zum Plotten, widme ich einen Beitrag zu diesem Thema. Ein Romanplot ist keine Raketenwissenschaft, aber auch keine Sache für Zwischendurch. Die Wahrheit liegt wie üblich in der Mitte.

Es gibt in der einschlägigen Literatur diverse Ansichten über die Vorteilhaftigkeit der Drei-Akte-Struktur versus einer Fünf-Akte-Struktur usw. Im Grunde ist es ein Streit um des Kaisers Bart. Die Fünf-Akte-Struktur ist lediglich eine aufgebohrte Drei-Akte-Struktur, um den sehr schwierigen Mittelteil für Autoren leichter zu machen.

Was ist der Kern?

Die Drei-Akte-Struktur ist sehr alt und basiert auf der allgemeingültigen Aussage, dass alles einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. In dieser Form ist es so eine Art universelle Wahrheit. Hilft sie beim Plotten? Nur bedingt. Allerdings lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die Grundform jeder Erzählung. Schon zu der Zeit, als unsere Vorfahren am Lagerfeuer saßen, gab es Clanmitglieder, die besser als andere Geschichten erzählen konnten. Wer das nicht konnte, erfuhr die Ablehnung des Publikums sofort. Man tat also damals schon gut daran, sich nach den Wünschen des Publikums zu richten. Nur das war die Garantie für Erfolg.

Die Grundstruktur des Erzählens

Jede Erzählung beginnt mit einem Problem für die Hauptperson. Das Problem war noch nie vorher da und der Hauptperson fehlen deshalb die Mittel zur Lösung.

Nehmen wir als Beispiel das Märchen von Hänsel und Gretel. Aufgrund der Bekanntheit des Märchens eignet es sich als Vorlage für einen Romanplot.

Anfangs leben die Kinder mehr oder weniger zufrieden, aber sehr arm, in einer Familie. Dann kommt die böse Stiefmutter auf die Idee, dass das Leben ohne zusätzliche Esser besser ist. Die geringe Nahrung reicht nicht für alle, es muss eine Entscheidung getroffen werden. Hänsel bekommt mit, wie sein Vater überredet wird, die Kinder im Wald auszusetzen und versucht den Plan der Stiefmutter zu vereiteln.

In der Fachsprache ist das der „inciting incident“ bzw. der auslösende Moment. Nachdem der Leser das ursprüngliche Leben der Figuren Hänsel und Gretel erfahren hat, ist eine emotionale Bindung entstanden. Die Leser fühlen deshalb mit, wenn sie erfahren, dass die Stiefmutter die Kinder im Wald aussetzen will. Man wünscht Hänsel Erfolg bei seinen Gegenmaßnahmen.

Die Welt Hänsels ist aus den Fugen geraten. Das Problem war noch nie vorher da. Es reißt Hänsel aus dem Alltag.

So gegen 25 % der Story gibt es einen ersten Höhepunkt. Hier würde in der Drei-Akte-Struktur der zweite Akt beginnen. Hänsel hat Erfolgserlebnisse. Der ursprüngliche Plan der Stiefmutter schlägt fehl. Hänsel und Gretel schaffen es, mit Hilfe der Kieselsteine aus dem finsteren Wald wieder nach Hause zu kommen. Es ist jedoch ein Scheinsieg. Das Leben ist nur scheinbar so wie früher und nur scheinbar ist das Böse besiegt und das im inciting incident aufgetretene Problem gelöst.

Die Bösen arbeiten im Hintergrund weiter. Die Stiefmutter hält nicht nur an ihrem Plan fest, sondern verfeinert ihn. Diesmal soll es tiefer in den dunklen Wald gehen, damit die Kinder auf keinen Fall zurück nach Hause finden.

Hänsel hält hingegen an der ursprünglichen Idee fest, denn sie hat ja schon einmal funktioniert. Wieso also etwas ändern? Leider kann er sich diesmal nicht in der Nacht aus dem Haus schleichen, um Kieselsteine zu sammeln. Er verwendet deshalb eine Variation des ursprünglichen Plans, Brotkrumen. Leider werden diese von Vögeln gefressen.

Der Midpoint, alles ändert sich.

Die Handlung, der Romanplot, verlässt die ursprüngliche Pfade. Die Kinder sitzen nun tatsächlich allein im dunklen Wald. Hänsels Lösungsschema für das Problem ist gescheitert. Vögel haben die Brotkrumen gefressen, der Rückweg ist versperrt. Hänsel weiß nicht mehr weiter. Es scheint, als habe die böse Stiefmutter gesiegt. Die Kinder irren hilflos umher, bis sie auf die vermeintliche Rettung stoßen, das Lebkuchenhaus. Hier nimmt die Story eine erneute Wendung. Das Haus, bewohnt von einer alten Frau, dient als Nahrung für die ausgehungerten Geschwister. Die alte Frau bekocht sie sogar und scheint der Inbegriff der gutmütigen Oma zu sein.

Der letzte Wendepunkt vor dem Finale

Die alte Frau entpuppt sich als böse Hexe. Das Lebkuchenhaus ist eine Falle für Kinder. Die Hexe sperrt Hänsel ein und zwingt Gretel zur Hausarbeit. Hänsel soll gemästet werden, damit er ein schmackhaftes Essen wird. Die Kinder kommen vom Regen in die Traufe. Erst bestand die Gefahr des Verhungerns, nun sollen sie einer Hexe als Nahrung dienen. Ungefähr zwischen hier und dem Hühnerknochen würde ich das Ende des zweiten und den Beginn des dritten Aktes sehen. In einem üblichen Romanplot beginnt der dritte Akt so um die 75 % der Handlung. Hänsel kann das Unvermeidliche vorläufig hinauszögern. Er reicht der Hexe einen Hühnerknochen und gaukelt der an Altersblindheit leidenden Frau damit vor, nicht an Gewicht zuzunehmen. Irgendwann hat die Hexe dann keine Lust zu warten, sondern will Hänsel auch im mageren Zustand essen.

Das Finale des Romanplots

Gretel soll den Ofen anschüren, in dem ihr Bruder gebraten werden soll. Sie stellt sich absichtlich dumm an, als sie den Ofen inspizieren soll. Die Hexe will es ihr zeigen, doch Gretel schafft es, die Frau in den Ofen zu stoßen. Die verschlossene Ofentür besiegelt das Schicksal der Hexe. Gretel befreit ihren Bruder, sie durchstöbern das Lebkuchenhaus und finden wertvolle Edelsteine.

Ausblick in die neue Zukunft

Mit Hilfe eines Vogels finden die Kinder zurück nach Hause. Die böse Stiefmutter ist inzwischen gestorben und der Vater freut sich über die Rückkehr seiner Kinder. Die Edelsteine sichern den Lebensunterhalt. Damit ist das ursprüngliche Problem der Handlung gelöst. Die Armut ist vorbei, zukünftig reicht das Essen für alle. Ermöglicht wurde es durch die unfreiwillige Reise der Kinder.

Gemeinsamkeiten mit dem Konzept der Heldenreise, einem weit verbreiteten Romanplot

Manche Leser werden in dem Märchen das Konzept der Heldenreise wiederfinden.

Ausgangspunkt ist die gewohnte, langweilige oder unzureichende Welt des/der Helden.

Der Held wird zum Abenteuer gerufen. Hänsel erfährt vom Plan der Stiefmutter.

Diesem Ruf verweigert er sich zunächst. Hänsel und Gretel finden mit Hilfe von Kieselsteinen zurück. Das alte Leben soll wie bisher weiter gehen.

Der Held überschreitet die erste Schwelle, nach der es kein Zurück mehr gibt. Der zweite Versuch der Rückkehr scheitert, die Kinder sind allein im Wald.

Der Held wird vor erste Bewährungsproben gestellt und trifft dabei auf Verbündete und Feinde. Ein Vogel führt die Kinder zum Lebkuchenhaus, dort treffen sie auf die böse Hexe.

Der Held dringt zum gefährlichsten Punkt vor. Hänsel wird von der Hexe eingesperrt und soll gegessen werden.

Hier findet die entscheidende Prüfung statt: Konfrontation und Überwindung des Gegners. Hänsel versucht den Plan der Hexe zu vereiteln. Er reicht ihr einen Hühnerknochen statt des eigenen Fingers. Als auch der Plan scheitert, übernimmt die Schwester Gretel den Kampf. Sie stößt die Hexe in den Ofen.

Die Helden können nun den „Schatz“ oder ein „Elixier“ (konkret: einen Gegenstand oder besonderes, neues Wissen) rauben. Hänsel und Gretel entdecken Edelsteine im Lebkuchenhaus.

Die Helden treten den Rückweg an. Der Feind ist besiegt, ein Schatz befindet sich in der Hand der Helden. Sie sind durch das Abenteuer zu neuen Persönlichkeiten gereift.

Das Ende der Reise: Die Rückkehrer werden zu Hause mit Anerkennung belohnt. Ein neues Leben beginnt.

Spannungsbogen im Romanplot

Um Leser bei der Stange zu halten bedarf es eines Spannungsbogens. Damit ist einerseits ein stetiges Auf und Ab der Gefühle, als auch kontinuierlich ansteigende Dramatik gemeint.

Erste Spannung taucht mit dem Plan der Schwiegermutter auf. Erleichterung tritt ein, als dieser zuerst scheitert.

Wieder steigt die Spannung beim zweiten Versuch der Stiefmutter. Hänsel kann diesmal keine Kieselsteine sammeln. Wird sein Plan trotzdem funktionieren? Erste Erleichterung wegen der Brotkrumen mischt sich mit Entsetzen, als Vögel diese aufessen.

Vorläufiger Tiefpunkt des Entsetzens. Die Kinder sind allein im Wald. Erleichterung, als sie an das Lebkuchenhaus kommen und so vor dem Verhungern gerettet werden.

Neuer Tiefpunkt des Entsetzens. Das Haus gehört einer bösen Hexe. Sie will die Kinder essen.

Erleichterung, als Hänsels Plan mit dem Hühnerknochen erst einmal funktioniert.

Erneutes Entsetzen, als die Hexe beschließt, Hänsel auch im mageren Zustand zu essen.

Große Spannung, als die Hexe befiehlt, den Ofen anzuschüren. In einem großen Finale stößt Gretel die Hexe in den Ofen.

Erleichterung. Die Kinder haben überlebt. Sie finden sogar Edelsteine.

Zufriedenheit am Ende. Die Kinder finden nach Hause. Die Edelsteine verhindern zukünftige Nahrungsknappheit wegen Armut. Die Spannungskurve gleitet sanft aus.

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Bildquelle

  • Plot_Sale: freedigitalphotos.net Stuart Miles

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