Krimi schreiben – auf den Stil kommt es an

In diesem Beitrag bespreche ich einen vorgeblichen Krimi, veröffentlicht durch einen Zuschussverlag. Die Leseprobe habe ich ehrlich gesagt nur halbherzig gelesen, da ich die Langeweile des Textes kaum aushielt. Es scheint um korrupte Polizisten und ein Drogenkartell zu gehen. Theoretisch ist es ein passendes Rezept für einen guten Krimi. Leider wird die Erwartung einer spannenden Handlung schnell enttäuscht. Das Buch wurde deshalb mit Recht nur veröffentlicht, weil der Autor den Verlag dafür bezahlte. Normalerweise ist es genau umgekehrt

Die mangelnde Qualität des Textes des Krimi offenbart sich rasch. Der Text startet mit einem Prolog und dieser beginnt seltsamerweise mit irgendeiner Bombenexplosion, die anscheinend Hintergründe der Rahmenhandlung erklären soll, aber dermaßen langweilig beschrieben wird, dass jedes Interesse am Weiterlesen rasch verschwindet.

Mit einem lauten Knall meldet sich die erste Explosion an. Der Boden bebt. Es folgen weitere Explosionen. Insgesamt fünf. Der ohrenbetäubende Lärm übertönt alle Geräusche. Die Erschütterungen erfassen nicht nur das wunderschöne zehnstöckige Bauwerk, sondern weiten sich rundum über den Boden aus.

Die Druckwelle lässt die Scheiben splittern. Glasscherben schießen wie messerscharfe Nadeln durch die Luft. Backsteine brechen aus den Hauswänden des exklusiven Hotels. Lange Risse winden sich immer tiefer durch das Gestein. Metallteile, Holz und Steine regnen wie todbringende Geschosse Richtung Erde. Schächte und Fahrstühle reißen auseinander, werden zu tödlichen Fallen. Treppen verlieren ihren Halt, stürzen in schweren Blöcken zur Erde.

Frage: Berührt Sie diese Beschreibung? Fühlen Sie mit den potentiellen Opfern, können Sie deren Angst spüren?

Ich nicht. Warum? Die Beschreibung ähnelt einem sachlichen Bericht. Erst passiert dies, dann das und zum Schluss jenes. Dass gedankliche Eintauchen in die Katastrophe wird u.a. verhindert durch Aussagen wie „wunderschönes zehnstöckiges Bauwerk“. Einerseits liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Schönheit für den einen ist Hässlichkeit für den anderen. Wer Augenzeugin z.B. eines schweren Autounfalls wird, hat jedoch keinen Blick für Schönheit oder Hässlichkeit. Sie kämpft mit dem Entsetzen und sinniert nicht über metallic-Lackierung, Alufelgen oder Heckspoiler. Auch denkt eine Augenzeugin niemals nach über die Schönheit eines Kfz, welches durch den bösen Unfall so verschandelt wurde. Es ist Aufgabe eines Autors/einer Autorin, den Schrecken eines schlimmen Ereignisses dem Leser zu vermitteln, ihn gleich mit den ersten Sätzen in die Handlung hineinzuziehen. „Kauf mich und du bereust es nicht“, muss das Buch sagen.

[…]

Das ganze Szenario hat weniger als zehn Minuten gedauert. Die ersten Einsatzfahrzeuge der Guardia Civil und der Feuerwehr erreichen die Unglücksstelle lange nachdem alles vorbei ist. Mehrere Ambulancias erscheinen am Unfallort. Sie beginnen sofort mit der Hilfe für die Verletzten. Unterstützt werden sie durch die Spezialeinheiten der Cuerpo Nacional de Policía, die das Gebäude auf der Suche nach Verletzten vorsichtig durchkämmen.

Nicht nur die Schwerverletzten müssen versorgt werden, auch die Überlebenden, nicht oder nur gering verletzt, brauchen medizinische und psychische Unterstützung.

Auch hier schreibt der Autor, als wäre er ein Historiker, der Jahre später auf das Ereignis zurückblickt und sachlich schildert, was damals alles geschehen ist. Einen potentiellen Leser eines Krimis kann er damit nicht beeindrucken, denn wer einen Krimi liest, will von der Handlung mitgerissen werden. Wer hingegen Sachbücher liebt, wird niemals nach einem Krimi suchen. Der Autor ist daran gescheitert, Zielgruppengerecht zu schreiben.

Wie geht es weiter?

Der Prolog des Krimi endet nach weiteren langweiligen Absätzen, die ich hier absichtlich auslasse, und es beginnt das erste Kapitel. Vorgestellt wird die Protagonistin, eine Zollbeamtin.

M. L. betrachtet das große Kühlschiff, das vor noch nicht einmal zwei Stunden hier angelegt hat. Kühlschiffe sind Frachtschiffe, die für den Transport temperaturgeführter Güter wie Obst, Gemüse oder Fleisch eingerichtet sind. Der Rumpf eines Kühlschiffes ist in mehrere Laderäume und diese wiederum in zwei Meter zwanzig hohe Decks eingeteilt. Sämtliche Laderäume sind gegen tropische Luft- und Wassertemperaturen von über dreißig Grad Celsius isoliert.

Der Hamburger Hafen ist der Hauptumschlagplatz für die Früchte, die aus dem Süden über das Meer nach Deutschland gelangen. Hier in der Hansestadt haben die großen Fruchtkonzerne ihre Hauptfilialen und Firmensitze. Die Herkunftsorte der Lebensmittel sind längst über den ganzen Globus verteilt.

‚Eigentlich unvorstellbar, dass Obst und Gemüse bereits eine Weltreise hinter sich haben, dann aber frisch und knackig in unseren Supermärkten landen‘, überlegt M.

Die Logistik dafür wird immer aufwendiger und anspruchsvoller. Aber auch der Rauschgifthandel steigt. Immer ausgefallener werden die Verstecke der Drogenkartelle, die ihr Gift in die ganze Welt vertreiben.

Leider kann der Autor sich nicht vom Sachbuchstil trennen und verfehlt es eklatant, krimigerecht zu schreiben. Die Leser werden ausführlich über den inneren Aufbau eines Frachtschiffes informiert und zusätzlich darüber, was es alles über den Hamburger Hafen zu wissen gibt. Dazu erfahren wir die Gedanken einer Zollbeamtin, die eigentlich aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung sehr genaue Kenntnis über den Weg von Obst in Supermärkte haben muss, aber trotzdem darüber einen Gedanken verliert. Würde eine Beamtin nicht eher über etwas anderes nachdenken? Beispielsweise:  Wie lange dauert meine Schicht noch? Was habe ich bei der Besprechung am Anfang der Schicht über dieses konkrete Schiff erfahren? Soll ich nachher meinen Freund anrufen?

Der Leser wird leider auch hier nicht in die Handlung hineingezogen.

M. L. ist Mitarbeiterin vom Zollamt Hamburg-Hafen. Die zweiunddreißigjährige erfahrene Zollschiffsamtsinspektorin mit dem blonden Pferdeschwanz und den tiefblauen Augen sorgt seit zwei Jahren mit den neun Kollegen ihrer Einheit im Hamburger Hafen für regelmäßige Kontrollen, in der Hoffnung, die ständig ankommenden Rauschgiftlieferungen abzufangen.

Alle Beamten wissen, dass eine absolute Kontrolle der Ladung sämtlicher Schiffe nicht möglich ist. Durch die regelmäßigen Stichproben versuchen sie weitgehende Abschreckung zu erreichen. Steuerfreie Zigaretten und Alkohol sind nicht das Hauptziel der Zöllner, sondern vielmehr die großen Funde an Rauschgift, mit denen sie der organisierten Kriminalität Rückschläge und Schaden zufügen wollen.

Ich kämpfe gerade gegen den Schlaf. Sie auch? Der Autor langweilt mit Binsenweisheiten wie derjenigen, dass der Zoll nur in Stichproben kontrollieren kann und Stichproben für Abschreckung sorgen sollen. Wer hat das vorher nicht gewusst? Auch hier sucht der Leser vergeblich nach Spannung.

M blickt ihnen noch einen Moment nach. Die Kollegen folgen dem Besatzungsmitglied, das vom Kapitän angewiesen wurde, ihnen alles zu zeigen. Die erfahrene Zollfahnderin weiß, dass sich die Zöllner in Zweierteams aufteilen, einer durchsucht mit seinem Hund die Frachträume, während der andere ihm den Rücken sichert.

Der erfahrene Techniker weiß, dass eine gut gewartete Maschine für eine ordentliche Produktion wichtig ist. Der erfahrene Autofahrer weiß, dass abgenutzte Reifen ein Sicherheitsrisiko darstellen. Der erfahrene Jogger weiß, dass Anfänger sich oft überschätzen und rasch Seitenstechen bekommen.

Die erfahrene Autorin weiß, dass derartige Beschreibungen für maximale Langeweile sorgen. Langeweile und Krimi schließen sich normalerweise gegenseitig aus.

Ohne gültigen Frachtbrief, der als Beförderungsdokument dient, darf die Ware weder verladen noch transportiert werden. Der gesamte Weg der Fracht wird über die Frachtpapiere offenbart. Solange sich die Güter an Bord befinden und der Kapitän die Papiere vorweisen kann, gilt er als Besitzer der Handelsware.

Der Absatz passt gut in ein Lehrbuch für Handelskaufleute, hat aber in einem Krimi nichts verloren.

Ich verzichte auf weitere Darstellungen. Wie hätte der Autor es besser machen können?

Was sieht eine erfahrene Zollbeamtin, wenn sie ein Schiff betritt? Fällt ihr nicht eher das Ungewöhnliche auf? Wenn Sie, liebe Leser, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, worauf fällt Ihr Blick? Sicher auf das, was Sie nicht jeden Tag erleben. Wer verhält sich ungewöhnlich? Wären Sie Polizistin, würden Sie nicht solche Personen kontrollieren wollen, die nicht ins übliche Schema passen?

Wie hätte der Autor es besser machen können?

Anbei ein paar Ideen für diesen Krimi. Nehmen wir an, dass die Leser unbedingt etwas über Kühlschiffe und Frachtbriefe erfahren sollen. Statt das über Infodump  rüberzubringen wäre eine charmante Idee die Schaffung einer zusätzlichen Romanfigur, einer neuen und nervigen Beamtin. Als kleine Zugabe liefert das einen Konflikt, das Salz in der Suppe jeder Handlung.

„Kühlschiffe sind aufregend, finden Sie nicht?“

M.L.  drehte sich zu Sandra Wieland um. Die neue Kollegin klatschte begeistert in die Hände. Der auflandige Wind blies ihr die schwarze Haarsträhne in die Stirn. Leider trieb er auch den dumpfen Geruch nach verbranntem Schweröl in M´s Nase. Der Frachter hatte vor knapp zwei Stunden angelegt und trotzdem stieg eine dünne Rauchfahne aus dem Schornstein. Es wurde offenbar noch viel Strom für die Kühlaggregate benötigt.

„Was ist daran aufregend?“ Nur noch diese Untersuchung, dann endete der Dienst und M konnte endlich Uwe in die Arme schließen. Bis dahin musste sie leider Zollsekretärin Wieland ertragen, die Frau, die niemals schwieg.

„Ich meine, haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, was für eine Weltreise Obst hinter sich hat, bis es frisch und knackig im Supermarkt landet? Irgendwie ist das keinem bewusst, wissen Sie? Niemand schätzt das, sondern schaut nur auf den Preis. Stellen Sie sich vor, ich habe das mal in meinem Lidl um die Ecke einer anderen Kundin zu erklären versucht, aber der war das völlig egal. Den Mund habe ich mir fusselig geredet, aber die Tante wollte nicht zuhören. Ist zum Schluss sogar echt pampig geworden. Bescheuert, oder?“

Wieso straft das Schicksal mich mit dieser Nervensäge? M seufzte. Sandra und ihr Redeschwall machten einen stressigen Job noch stressiger. Einfach in Ruhe die Checkliste abarbeiten. War das zu viel verlangt?

„Dabei ist der Aufwand gigantisch, wenn man mal nachdenkt. Mehrere Laderäume, eingeteilt in zwei Meter zwanzig hohe Decks und abgeschirmt gegen tropische Temperaturen von über dreißig Grad. Alles nur, damit das Obst frisch im Supermarkt landet. Wahnsinn, oder? Keiner würdigt das. Pervers! Einfach nur pervers. Wenn man das im Supermarkt anspricht, wird man blöd angemacht. Das ist so ungerecht. Was denken Sie?“

„Trauen Sie sich die Kontrolle der Frachtpapiere zu?“, fragte M zur Ablenkung. Leider stach sie damit in ein Wespennest.

Sandra grinste breit. „Klar. Frachtbriefe sind Beförderungsdokumente. Der Kapitän darf die Fracht nicht ohne sie verladen oder transportieren. Solange die Ware an Bord ist …“

„Geschenkt!“, unterbrach M. „Das ist keine mündliche Prüfung, sondern die Realität.“

Sandra runzelte erst die Stirn. Dann zeigte sie wieder das übliche Grinsen.

„Klar. Wir machen immer Zweierteams. Einer nimmt die Untersuchung vor, während der andere absichert. Kalter Kaffee.“

„Das kann nur in einer Katastrophe enden“, murmelte M.

„Was haben Sie gesagt?“

„Nichts, vergessen Sie es einfach. Okay?“

Die Kühlschiff-Challenge. Wer will mitmachen?

Was wären Ihre Ideen, liebe LeserInnen? Wollen Sie sich daran versuchen? Schreiben Sie eine kleine Szene, in welcher der Aufbau eines Kühlschiffs oder die Zustände im Hamburger Hafen oder das Wesen von Frachtbriefen erklärt wird, ohne in Infodump zu verfallen. Nutzen Sie den Kommentarbereich, lassen Sie uns miteinander Ihre Entwürfe diskutieren. Nur Mut.

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