Making of: Eydis – Vergebliche Flucht

Wie entstand der Roman „Eydis – vergebliche Flucht“?  Ein Blick hinter die Kulissen. (Garantiert ohne Spoiler)

Der Anfang: Wieviele Worte sollen es sein?

Ich startete mit einem ersten Ziel betreffend die Länge: ca. 90 Tsd. Worte. Durch Umrechnung auf die durchschnittlichen Worte pro Seite und der durchschnittlichen Seitenzahl pro Szene erhielt ich den Bedarf an Szenen.

Das ist meistens der Punkt, an dem man erst einmal kräftig schluckt. So viele Szenen? Woher den Stoff nehmen?
Systematische Arbeit hilft bei der Überwindung des Tiefpunkts. Steht die Kulisse fest, beginnen die Recherchen. Im Mittelpunkt stehen ganz normale Fragen. Wie sieht es am Handlungsort aus? Gibt es markante Dinge, die man auf jeden Fall ansprechen muss?

Recherche als Ausgangspunkt

Als Handlungsort stand früh in der ersten Phase die nordenglische Stadt York fest. Sie hat eine sehr wechselvolle Geschichte, von der römischen Garnisonsstadt bis hin zur Hauptstadt eines skandinavischen Königreiches. In dieser Zeit existierte eine gemischte Bevölkerung, ein Durcheinander christlicher und heidnischer Bräuche.
Die Geschichte von Eydis erforderte sowohl das York der Gegenwart als auch das Jorvik der Vergangenheit. Damit hatte ich mir leider ein doppeltes Problem eingehandelt. Im Netz gab es wenig zu Jorvik, also musste ich andere Wege beschreiten. Ich suchte deshalb eine interessante Seite auf, das zentrale Bibliotheksverzeichnis.

Die Seite nennt Bibliotheken, die evtl. Bücher zu dem gesuchten Begriff besitzen. Je nach Wohnort sind diese per Fernleihe beziehbar.  (Ich empfehle dazu die Kontaktaufnahme mit der örtlichen Stadtbücherei etc.) Davon machte ich Gebrauch und studierte ausgiebig Berichte über Ausgrabungskampagnen in diversen Stadteilen Yorks, u.a. im Bereich Coppergate. Skizzen über das vermutete Aussehen der Stadt im Frühmittelalter rundeten das Bild ab. Die nächste Ausleihwelle interessanter Bücher erfasste Details zum Münzwesen und der vermuteten Abfolge der skandinavischen Könige. Von diversen Annahmen der Archäologen musste ich mir die für die Story plausibelste heraussuchen.

Das York der Gegenwart war glücklicherweise leichter zu erforschen. Eine gute Auskunft erhielt ich von Reisemagazinen, Touristenführern usw. An ein spezielles Problem erinnere ich mich noch gut. Ich wollte, dass die Romanfiguren Eydis und Cathy nicht nur in den Straßen herumlaufen, sondern auch ein Café oder ähnliches besuchen. Das Umblättern der Touristenbücher brachte einige interessante Ziele, aber nichts sprach mich so richtig an. Erst auf den zweiten Blick fand ich ein lohnendes Café und stand nun vor dem nächsten Problem: Was genau steht dort auf der Speise- bzw. Getränkekarte? Ich hätte den Weg manch anderer Autoren gehen und mir etwas ausdenken können, wollte aber authentisch bleiben. Nach einigen abendlichen Recherchen im Internet kam ich in den Besitz einer Speisekarte. Nun konnte ich die Szene schreiben.

Die Figuren und ihre Charakterzüge

Eydis stand fest. Ihr äußeres Problem ist ihr Auftrag und der damit verbundene Zwang, bei diversen Dingen mitzumachen. Sie leidet an Einsamkeit, hat keine Freunde. Meiner Ansicht nach fehlte noch ein internes Problem. Ich dachte an ihre Vergangenheit und evtl. daraus resultierende Zwänge, dem Festhalten an gewohnten bzw. anerzogenen Verhaltensmustern. Diese zu ändern, aus dem Alltag auszubrechen, ist schwierig. Eydis entstammt einer bestimmten Kultur mit traditionellen Verhaltensweisen. Wo könnte diese am ehesten in Konflikt mit der aktuellen Situation geraten? Ich grübelte einige Zeit. Schließlich kam ich auf die sexuelle Orientierung. Damit hatte ich das Ziel erreicht: ein äußerer und ein interner Konflikt. Beide ergänzen sich gegenseitig, erzeugen Konfliktpotential für ein ganzes Buch.

Der Sidekick

Jede Hauptfigur braucht einen sogenannten Sidekick. Das ist eine Art Sparringspartner, Kollege, die andere Seite der Münze. Oft hat der Sidekick die dramaturgische Aufgabe, sich vom Helden dessen Gedanken und Pläne mitteilen zu lassen, so dass der Leser auch ohne allwissenden Erzähler von ihnen erfährt. Cathy Carter sollte anfangs nur eine Randfigur sein. Ich wusste mit ihr wenig anzufangen. Erst nach diversen Planspielen zum Verlauf des Plots realisierte ich, dass mir eine Figur fehlte. Statt eine neue zu erfinden, wählte ich eine bestehende aus. Cathy Carter hat Konfliktpotential, falls sie einer völlig ungewohnten Situation gegenübersteht. Der Fachbegriff dafür lautet „Fish out of the water“. Ferner kann Cathy diverse „dumme“ Fragen stellen zur augenblicklichen Lage. Die Information wäre sowohl für Cathy als auch für den Leser wertvoll. Im Hinblick auf den Leser löste ich damit das Problem des Infodumps. Cathy bekommt etwas erklärt und damit indirekt der Leser. Verständnisprobleme bei einzelnen Szenen lassen sich so elegant vermeiden.
Also erhöhte ich den anfangs minimalen Anteil von Cathy am Handlungsrahmen. Um Cathy nicht nur als „dummes“ Fragezeichen durch die Gegend laufen zu lassen, gab ich ihr einen starken Willen und den Mut zum Widerspruch. Dadurch sicherte ich mir als Nebeneffekt Konfliktpotential mit Eydis und Algitha. Was für Letztere selbstverständlich ist, zweifelt Cathy an. Gegen Ende musste ich mir noch etwas über Cathys Zukunft einfallen lassen. Durch den Plot – und damit indirekt durch meine Schuld – war ihr altes Leben vorbei. Sie brauchte ein neues Ziel. Ich fand etwas Plausibles für Cathy. Lesen Sie selbst und bilden Sie sich eine Meinung.

Weitere Nebenfiguren

Jeder Roman sollte etwas zum Schmunzeln haben. Okay, das ist meine Meinung, vielleicht stehe ich damit auch alleine. Ich dachte mir eine Quelle für Naivität und ein wenig Klamauk aus – und fand Etheswitha. Ihr Auftritt beginnt spät und ist hinsichtlich des Umfangs angemessen. Ferner kann sie eine weitere Rolle ausfüllen: Die bisherigen Romanfiguren sind eher hart im Nehmen, lassen sich nicht so leicht einschüchtern. Ich benötigte aber jemanden, der die Funktion des schwächsten Glieds der Kette einnimmt. Tja, Etheswitha, ich kam auf dich. Sorry für die verursachten Unannehmlichkeiten.

Die Bösewichte

Eine Handlung ohne Bösewichte ist wie eine Suppe ohne Salz. Das Problem mit diesen Leuten ist ihre Glaubwürdigkeit. Niemand ist böse, weil er böse ist. Selten wird man als Bösewicht geboren. Man braucht dafür einen – für den Leser – nachvollziehbaren Grund. Außerdem müssen die bösen Handlungen aus Sicht der agierenden Person logisch und vernünftig sein. Sich solche Romanfiguren auszudenken ist genauso schwer wie die Erschaffung der Anhänger der guten Seite. Ich denke, dass die Motive der Personen logisch sind – zumindest aus deren Sicht.
Natürlich braucht man auch ein wenig Verwirrspiele. Ist jemand, der als schlecht ausgewiesen wird tatsächlich schlecht oder spielt er es nur? Ist jemand, der auf der guten Seite steht auch tatsächlich ein netter Mensch? Ich hoffe, dass ich es geschafft habe, hier ein wenig Verwirrung zu stiften. Der Leser fällt das finale Urteil.
Die Details zum Buch
Buchtitel benötigen eine aussagekräftige Schriftart. Es gibt im Netz einiges an Auswahl. Ich probierte herum und wählte zuerst die Schrift Franchise aus.

Es ist grundsätzlich eine gute Schrift, allerdings störte mich das flatterhafte Aussehen des Titels, bedingt durch die unterschiedlichen Größen der Buchstaben. Ich wandte mich der nächsten Schriftart zu:

Stencil ist  ebenfalls eine gute Schrift, erinnerte mich aber eher an einen Westerntitel:

Die Schrift sieht eher wie Brandzeichen aus oder, wie bereits geschildert, die Fahndungsplakate in Western. Stencil arbeitet mit Großbuchstaben. Das ist manchmal sinnvoll, ich hielt es in diesem Fall für wenig berauschend.

Was blieb übrig? Ich erinnerte mich an eine Schriftart, mit der ich gute Erfahrungen gemacht hatte: chunk five

Diese Schrift ist so etwas wie eine Allzweckwaffe. Gutes Aussehen der Buchstaben, nicht gebunden an ein bestimmtes Genre und immer eine Auswahl wert. So sah der Buchtitel schließlich aus.

Die Kulisse glaubhafter machen

Im Frühmittelalter in Jorvik herrschten zwei Sprachen vor, die der einheimischen Angelsachsen (Alt-Englisch) und das Alt-Nordisch der Eroberer. Der Sammelbegriff Wikinger kam übrigens erst im 19. Jahrhundert auf. Damals nannten die Angelsachsen die Skandinavier entweder Dänen oder Nordmänner. Ihre Sprache war demzufolge dänisch. Heute nennt man sie Alt-Nordisch.
Es gibt viele Historienromane auf dem Markt, die Alt-Nordische Begriffe verwenden und sie dem Leser gleich vorab erklären. Leider manchmal in der etwas amateurhaften Form, dass zwei Wikinger einander bestimmte Begriffe erklären. Der eigentliche Adressat der Info ist aber der Leser. Die Wikinger brauchten einander keine Begriffe zu erklären. Heute würde auch kein Engländer zu einem Landsmann sagen: „Car, das heißt bei uns Auto.“ Der Gesprächspartner weiß das, nur der Leser nicht.
Ich wählte andere Methoden, um alte Worte dem Leser näher zu bringen und gleichzeitig ein Gefühl für die damalige Sprache zu geben. Fündig wurde ich für die Beispielsätze in folgenden Büchern:

  1. Stephen Pollington: First steps in Old English
  2. Michael Barnes: A new introduction in Old Norse

Für die Zwecke des Romans „Eydis – Vergebliche Flucht“ enthielten beide Bücher ausreichend Material um kurze Sätze in der jeweiligen Sprache zu konstruieren. Die Klarstellung der Bedeutung für den Leser ist mir hoffentlich gelungen.

Aber, wie es so schön heißt: Der Leser hat das letzte Wort.
Darum bitte ich Sie herzlichst. Schreiben Sie eine Rezension darüber, was Sie von dem Buch halten. Feedback ist das Salz in der Suppe des Autors. Sie kann bei schlechtem Feedback durchaus versalzen sein, doch Autoren werden nur mit Hilfe von Kritik besser.
Wenn Sie vom Buch begeistert sind, dürfen Sie das natürlich auch schreiben.
Ich danke Ihnen.

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