Der Krimibeginn – Anforderungen

Üblicherweise sieht man in einer Buchhandlung folgende Szene: Ein Kunde nimmt ein Buch in die Hand, studiert den Klappentext. Danach wird die erste Seite aufgeschlagen. Dies ist der Moment, der über Kauf oder Zurücklegen entscheidet. Welche Fehler kann ein Autor auf der ersten Seite machen?

Es gibt einen besonders großen Fehler, nämlich den potentiellen Käufer zu langweilen. Man muss auf der ersten Seite einen Appetitanreger setzen. Erfahrene Autoren wecken Spannung bereits im ersten Absatz. Nehmen wir beispielsweise Simon Beckett und seinen Krimi „Verwesung“. Der Prolog beginnt so:

Eins. Zwei. Acht.

Die Ziffern des Zerfalls. In diesem Verhältnis verwesen alle Organismen, ob groß oder klein. An der Luft, im Wasser, unter der Erde. Bei gleichen klimatischen Bedingungen wird eine Leiche im Wasser zweimal so lange brauchen, um zu verwesen, wie an der Oberfläche. Unter der Erde wird es achtmal so lange dauern. Eins. Zwei. Acht. Eine einfache Formel – und eine unveränderliche Wahrheit.

Je tiefer etwas vergraben ist, desto länger wird es überdauern.

[…]

Egal wie tief eine Leiche vergraben ist, es wird immer Hinweise geben, die ihr Versteck verraten. Eins. Zwei. Acht.

Nichts bleibt für immer verborgen.

Diese ersten Sätze markieren die Stimmung und geben einen Vorgeschmack auf die weitere Handlung. Markant ist die ständige Wiederholung der Ziffern Eins. Zwei. Acht. Es fügt sich gut in den Text ein. Dieser Prolog zeigt deutlich, dass es um einen Krimi geht und er verspricht Spannung. Der Prolog ist ein Appetithappen, der Lust auf das Hauptgericht – den Roman – macht. Man zieht den Hut vor dem Profi.

Wie sieht dagegen das Werk eines Amateurs aus? Wie üblich suchte ich im Fundus von Druckkostenzuschuss-Verlagen, die Anfängerautoren sehr viel Geld für die Buchveröffentlichung in Rechnung stellen. Die Kosten werden im Regelfall niemals auch nur annähernd durch Verkäufe wettgemacht. Meistens liegt es daran, dass es keine Verkäufe gibt. Die Qualität ist der Grund.

Da die Autorin bereits unter dem finanziellen Verlust zu leiden hat, zitiere ich anonym, wie üblich.

Der Roman soll ein Krimi sein und startet ähnlich wie Beckett mit einem Prolog. Der Handlungsort ist New York im Winter, aus der Ich-Perspektive erzählt eine junge Frau.

Die Uhr an der Küchenwand zeigte eine Stunde nach Mitternacht und draußen war es eisig kalt. Es hatte aufgehört zu schneien, denn bei der Kälte froren selbst die Schneeflocken ein. In den letzten Tagen hatte der Winter die Stadt unter seine Kontrolle gebracht. Obwohl sich die Straßenarbeiter so gut es ging, bemühten, war an ein Vorwärtskommen kaum mehr zu denken. Selbst auf dem Bürgersteig herrschte tagsüber ein Gedränge und die Fußgänger quälten sich über Schneehaufen hinweg. Einige Äste konnten der weißen Last nicht mehr standhalten und hingen von den Bäumen herunter oder blockierten die Wege.

Falsch recherchiert. Auch am Südpol schneit es. In New York ist Schneefall zwar im Winter ein großes Problem, doch es ist dort nie so kalt, dass es überhaupt nicht schneit. „Einfrierende“ Schneeflocken in der Luft gibt es nicht.

Ich saß an meinem Küchentisch und genehmigte mir ein Glas Rotwein. Das Chaos in meiner neuen Wohnung hatte ich noch nicht in den Griff bekommen. Obwohl seit meiner Ankunft bereits eine Woche vergangen war, standen immer noch überall ungeöffnete Kartons herum und etwas zu finden, war ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst in meinem Badezimmer standen mir nur die Sachen aus meiner Reisetasche zur Verfügung, weil ich alles Weitere bisher noch nicht hatte finden können.

Stoppen wir hier vorläufig das Lesen. Für einen Krimibeginn ist das ein schlechter Start. Es fehlt die Vorschau auf spannende Dinge, die kommen werden. Der Leser erfährt etwas über New York und die melancholische Stimmung der Protagonistin. Das ist zu wenig, um Lust auf eine spannende Handlung zu wecken.

Schon in zwei Tagen sollte ich meine neue Stelle beim New York Police Department antreten. Irgendwie schien mir alles ziemlich unrealistisch. Noch vor einem Monat hatte ich vor dem Scherbenhaufen meines bisherigen Lebens gestanden. Die Ereignisse überschlugen sich und waren irgendwann zu viel geworden. Ich wusste, dass eine grundlegende Veränderung der einzige Weg sein konnte, damit ich wieder Ruhe finden würde.

Eine klassische Rückblende. Anstatt weiter zu machen, irgendetwas Rätselhaftes zu zeigen (PS: Der Roman soll ein Krimi sein) erfahren wir vom bisherigen Leben der Protagonistin. An dieser Stelle braucht das niemand zu wissen. Statt in die Vergangenheit wollen Leser auf der ersten Seite in die Zukunft blicken, erfahren, was für spannende Sachen passieren werden.

Nun saß ich hier in einer Dreizimmerwohnung, die mir völlig fremd war und ab jetzt mein Zuhause sein sollte. Dass ich ein Team beim Morddezernat des NYPD übernehmen würde, flößte mir Angst ein. Ich bat in Chicago um meine Versetzung, nachdem ich mich ein Jahr zuvor vergeblich um die Leiterstelle beim Drogendezernat beworben hatte. Damals wollte niemand etwas von einer weiblichen Führungsperson wissen. Doch hier in New York schien das anders zu sein. Nach meinem Versetzungsantrag dauerte es nicht lange, bis ich einen Brief mit dem Stellenangebot auf dem Schreibtisch vorgefunden hatte. Ich war sofort begeistert gewesen und nahm ohne lange Überlegungen an. Doch je näher nun der lang ersehnte Tag kam, an dem ich mein neues Team kennenlernen würde, desto mehr wich diese Begeisterung einer Art von Angst. Ich fragte mich, ob ich dieser Aufgabe auch wirklich gewachsen sein würde. Würden mich die neuen Kollegen akzeptieren? Würden mich meine Vorgesetzten akzeptieren? Würde ich mich in der Stadt zurechtfinden? Amerika ist groß. Ich konnte mir gut vorstellen, dass mich hier Gegebenheiten erwarten würden, an die ich in Chicago nicht einmal im Entferntesten gedacht hatte.

Erneute Rückblende und innerer Monolog, der ermüdet. Wir kennen die Protagonistin noch gar nicht und werden schon mit ihren Lebensproblemen überschüttet. Stellen Sie sich vor, so etwas bei der ersten Verabredung mit einem/einer Unbekannten zu erleben. Hätten Sie Lust auf ein zweites Treffen?

Meine Gedanken kreisten nun schon seit Tagen immer wieder um die gleichen Themen und so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht aufhören, mir ständig dieselben Fragen zu stellen. Dies entsprach eigentlich überhaupt nicht meiner Art und es ärgerte mich, dass ich so unsicher war. Normalerweise strotze ich nur so vor Selbstsicherheit. In der beruflichen Umgebung konnte ich mir auch nichts anderes erlauben, denn die Verbrechensaufklärung lässt keinen Platz für Unsicherheit oder Angst.

Verstärkung des inneren Monologs. Gleichzeitig auch Verstärkung der Langeweile für den Leser.

Ich trank den letzten Schluck aus meinem Weinglas und machte mich wieder daran, ein paar Kisten auszupacken. Endlich fand ich meine Kleider und auch die Badezimmerutensilien. Da ich in Chicago nur eine kleine Zweizimmerwohnung gehabt hatte, fand ich hier mehr als genug Platz, um alles in den Einbauschränken zu verstauen. Nachdem ich im Badezimmer alles an seinen neuen Ort gestellt hatte, fiel mir auf, dass der Spiegelschrank noch immer halb leer war. Das würde sicher auch so bleiben.

Kurz nach drei Uhr packte mich die Müdigkeit und meine Motivation weiter auszupacken, schwand allmählich. Ich gönnte mir noch ein halbes Glas Wein und legte mich dann in das mir noch fremd vorkommende Bett.

Tja, nach der ganzen Weintrinkerei wird es auch Zeit für das Bett. Gleichzeitig endet damit der Prolog. Das erste Kapitel danach beginnt mit einer typischen Aufwachszene, die ich hier weglasse.

Nur zur Erinnerung: Das soll ein Krimibeginn sein. Spannung, ungelöste Rätsel, die Vorschau auf kommende große Ereignisse, sucht man leider vergebens.

Was hat der Leser erfahren? Die Protagonistin ist neu in New York, sie arbeitet bei der Polizei und fragt sich, wie das mit der neuen Stelle wird, ob die Kollegen nett sind und bla, bla. Jeder, der irgendwo neu anfängt, hat die gleichen Gedanken. Das ist auch das größte Problem dieses Textes. Er liefert nichts, das über die Masse herausragt. Man könnte es so formulieren:

„Wollen Sie als Leser mehr erfahren über eine Polizistin, die eine neue Arbeitsstelle beginnt und sich fragt, ob sowohl die neuen Kollegen als auch die Vorgesetzten sie akzeptieren werden?“

Meine Antwort: Nein.

„Aber es ist doch ein Krimi!“

Meine Antwort: Wieso? Bloß weil die Protagonistin bei der Polizei arbeitet?

„Aber es passiert doch sicher noch etwas!“

Meine Antwort: Wann denn? Es gibt nicht die kleinste Vorschau. Der Prolog endet damit, dass jemand müde einschläft. Geht es noch langweiliger? Wer es nicht schafft, den Leser auf der ersten Seite mit der Aussicht auf eine spannende Handlung zu fesseln, bekommt keine zweite Chance. Die Protagonistin ist alleine in ihrer Wohnung, denkt über den Sinn ihres bisherigen Lebens nach, trinkt Wein und geht dann müde zu Bett. Wieso soll mich so eine Person interessieren?

Denken Sie sich ein Theaterstück. Eine junge Frau betritt die Bühne und beginnt über ihre Vergangenheit zu reden, ihre Lebensprobleme, dass sie bald eine neue Arbeitsstelle antreten wird usw. Wie reagieren wohl die Zuschauer darauf? Mit Begeisterung oder eher mit der Frage: „Dafür habe ich Eintritt bezahlt?“

Wie würden die Zuschauer dagegen reagieren, wenn die junge Frau stattdessen einen Ausblick auf ein kommendes großes Problem gibt und man ihre Vergangenheit erst in kleinen Happen während des Theaterstücks erfährt?

Ich habe schon viele Prologe gelesen. Die größten Langweiler findet man leider im Amateurbereich.

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Bildquelle

  • Langeweile: freedigitalphotos.net graur codrin

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