Die Szenenplanung – ein Methodenvergleich

Bezüglich der Planung einer Romanszene existieren zwei bekannte Konzepte: Die Methode von Dwight V. Swain, u.a. verbreitet von K.M. Weiland in ihren gut geschriebenen Ratgebern betreffend Outlining, sowie in jüngerer Zeit die Vorschläge von Lisa Cron, veröffentlicht in „Story Genius“. Aber sind die beiden Methoden wirklich unterschiedlich?

Bekanntlich haben Münzen zwei Seiten, Kopf und Zahl. Trotzdem gehören sie zusammen, mindern nicht den Wert einer Münze. Kann man das auch von den beiden  Konzepten der Szenenplanung behaupten? Steigen wir ein in die Details, beginnen wir mit der klassischen Methode von Dwight V. Swain, veröffentlicht u.a. in „Techniques of the selling writer“. Allein der Name impliziert eine Verbindung zwischen der vorgeschlagenen Technik und den Autoren, die Bücher verkaufen können. Damit zieht Swain eine klare Grenze zwischen Schreiben und Verkaufen. Nur wer gut schreibt, verkauft auch etwas. Die Planung einer Szene ist dabei das entscheidende Element, denn ein Roman besteht aus einer (sinnvollen) Aneinanderreihung von Szenen.

Die Methode Swain:

Einem breiteren Publikum bekannt wurde sie u.a. durch die Veröffentlichungen von K.M. Weiland in ihren hervorragend gestalteten Scheibratgebern. Eine Szene besitzt zwei wichtige Aufgaben:

• das Interesse des Lesers wecken
• die Handlung voranbringen

Wie weckt man Interesse? Indem man die Figur in einer Situation zeigt, in der alles in Ordnung ist, z.B. am Frühstückstisch, bei dampfendem Kaffee in einem gemütlichen Zimmer? Alles ist in Ordnung, keine Wolke erscheint am Horizont, das Leben ist toll. Diese Szenen gehören zur Kategorie „Happy people in happy land.“ Sie verbreiten Langeweile, aber kein Interesse.

Interesse kommt für den Leser dann auf, wenn die Romanfigur gegen Widerstand kämpfen muss. Widerstand nicht in der Form eines tatsächlichen Kampfes, sondern eher in Form der Überwindung eines Hindernisses.

Bsp: ein junger Mann möchte ein Mädchen aus der Nachbarklasse ins Kino einladen. Das Mädchen beachtete ihn bisher jedoch nicht. Der Widerstand ist evtl. eine schlechte Meinung, die sie von dem Kerl hat oder reines Desinteresse oder  vielleicht sogar Trauer über eine frühere zerbrochene Beziehung. Das Mädchen will sich momentan nicht wieder binden. Die Frage, ob es dem jungen Mann gelingt, trotzdem die Zusage zum Kino zu bekommen, weckt automatisch das Leserinteresse.
Ähnliche Widerstände sind im Beruf möglich. Man will früher gehen, weil man eine Verabredung hat. Man will unbedingt Urlaub am Tag X, weil …
Mit anderen Worten: Die Romanfigur hat ein bestimmtes, für den Leser klar erkennbares Ziel. Um es zu erreichen, muss sie sich anstrengen, einen Widerstand überwinden. Das Mädchen darf nicht bei der ersten Anfrage dem Kinobesuch zustimmen, das frühere Verschwinden von der Arbeit ist nicht möglich, weil gerade in dem Moment das Telefon klingelt und ganz dringend …

Kommen wir zur zweiten Anforderung einer Szene: Die Handlung vorwärts bringen.

Wenn, um beim Kinobeispiel zu bleiben, der junge Mann nach der ersten Absage aufgibt, endet die Szene. Dann stellt sich allerdings die Frage nach dem Sinn der Szene. Wozu zeigt der Autor sie dem Leser?
Falls der junge Mann es aber als Ansporn sieht, sein Ziel auf anderem Weg zu erreichen, bringt das die Handlung vorwärts. Er könnte sich beispielsweise Rat bei einem Bekannten einholen. Er könnte versuchen, mehr über das Mädchen zu erfahren, z.B. woran die letzte Beziehung scheiterte. Er könnte auch entscheiden, sich bessere Kleidung zu kaufen, die Frisur zu änden oder sonst etwas zu tun. Damit ist das große Ziel: „Interesse des Mädchens wecken“, heruntergebrochen auf zahlreiche Unterziele.

Nach Swain folgen Szenen einem klaren Muster: Ziel, Konflikt (etwas steht der Zielerfüllung im Weg) und Desaster (die Romanfigur scheitert bei der Zielerfüllung). Im Beispiel erteilt das Mädchen dem jungen Mann eine brüske Absage.

Danach folgt die Gefühlswelt. Die Romanfigur muss mit dem Scheitern fertig werden, die Wunden lecken. Das können einfache Gedanken sein (Wieso hat sie abgesagt?).

Damit betritt das Dilemma die Bühne. Wie soll es jetzt weitergehen? Soll ich später nochmals fragen? Mache ich mich damit nicht lächerlich? Was werden andere darüber denken? Soll ich aufgeben? Aber sie ist das hübscheste Mädchen an der Schule.

Am Ende steht die Entscheidung. Die Romanfigur setzt sich ein neues Ziel, z.B. mehr über die Vergangenheit des Mädchens zu erfahren. Deshalb beschließt der junge Mann, den X aufzusuchen, weil …

Fassen wir die Elemente einer Szene tabellarisch zusammen:

  • Ziel
  • Konflikt
  • Desaster
  • Reaktion
  • Dilemma
  • neue Entscheidung, nächstes Ziel

Auf diese Weise lassen sich Szenen miteinander verketten. Um Langeweile vorzubeugen bezüglich des dauernden Wechsels zwischen „Ich will von ihr eine Zusage, scheitere aber, deshalb mache ich jetzt …“ kann man Subplots einbauen.

Der kleine Bruder hat ein Problem, wendet sich an die Romanfigur, die dadurch von der Sache mit dem Mädchen abgelenkt wird. Ein zweites Mädchen zeigt plötzlich auffallendes Interesse an der Romanfigur, spricht deutlich den neuesten Kinofilm an. Sollte man die Chance ergreifen und mit ihr ins Kino gehen? Eine wichtige Prüfung an der Schule steht bevor und es gibt Wissenslücken, die unbedingt aufgefüllt werden müssen. Die Romanfigur sucht deshalb Nachhilfe.

Damit erschafft der Autor neue Probleme, die ebenfalls gelöst werden müssen – bevor das Hauptproblem angegangen wird.

Die Methode von Lisa Cron

Lisa Cron veröffentlichte bereits das Buch „Wired for Story“ und zeigt in ihrem zweiten Ratgeber „Story Genius“ einen Szenenplan. Es ist vergleichbar einer Karteikarte mit Beschriftungen.
Frau Cron nennt an erster Stelle den sogenannten Alpha-Point einer Szene. Der Autor soll in wenigen Worten aufschreiben, wieso die Szene vorhanden sein muss. Damit beugt man vor, unwichtige Szenen zu erschaffen, die unnötig die Handlung aufblähen.
Alle Szenen stehen miteinander in Verbindung bezüglich Ursache – Wirkung. Keine Szene kann für sich allein existieren. Sie haben einen Vorläufer und bedingen einen Nachfolger. Die Ursache für die aktuelle Szene liegt im Ende der vorherigen Szene. Das Ende der aktuellen Szene ist der Grund, dass man eine neue Szene braucht.
Demzufolge weist eine Szenenkarte nach Lisa Cron zwei wichtige Elemente auf:

  • Ursache, der Plot: Was passiert momentan?
  • Die Wirkung: Was löst die Plothandlung aus? Die Handlung existiert nicht für sich selbst, sie hat einen Effekt auf die handelnden Personen

Nach Lisa Cron folgt danach die sogenannte „dritte Schiene“.
Dabei geht es um die Frage, wieso die Handlung wichtig ist.

Warum ist das, was gerade passiert, für die Romanfigur wichtig? Wieso kann sie nicht einfach Zuschauer sein, wie z.B. ein Kinobesucher? Warum kann sie nicht die Schulter zucken und sagen: „Okay, es ist etwas passiert, aber was geht mich das an?“

Nach Beantwortung dieser Frage auf der Karteikarte erfolgt die letzte Frage.

Die Umsetzung: Die Romanfigur setzt sich ein Ziel und handelt.

Lisa Cron verwendet ein Beispiel.

Eine junge Frau, Ruby, schrieb bisher nur zusammen mit ihrem Mann Drehbücher. Leider stirbt er überraschend bei einem Unfall. Ruby ist am Boden. Die Produzentin ruft an, verlangt das Umschreiben des kürzlich festgestellten Drehbuchs. Falls die Witwe das nicht kann, wird sie den Auftrag anderweitig vergeben. Zusätzlich erscheint noch Rubys Schwester Nora und findet den nervlichen Zustand der Autorin schlecht. Da ihr das Haus gehört, droht sie damit, Ruby herauszuwerfen. Sie soll sich in einer Klinik psychisch behandeln lassen.

Setzen wir das in Lisa Crons Schema um. So plant sie die Szene.

Der Plot, die Ursache:
Anruf der Produzentin, entweder Umschreibung oder jemand anderer macht es.
Besuch der Schwester Nora.
Nora zeigt sich bestürzt über den psychischen Zustand von Ruby. Sie will sie in eine Klinik einweisen lassen.

Effekt des Plots:
Ruby verspricht der Produzentin, das Drehbuch umzuschreiben
Sie verschweigt aber, dass sie sich dazu psychisch nicht in der Lage sieht
Als Nora das Krankenhaus anspricht, gelobt Ruby Besserung und erreicht einen Aufschub für zwei Tage. Dann will Nora erneut zu einem Besuch kommen.

Die dritte Schiene:
Warum ist das Plotereignis für die Romanfigur wichtig?

Ruby realisiert, dass das Drehbuch die einzige verbliebene Verbindung zu dem Verstorbenen ist. Sie hält deshalb daran fest.
Sie hat aber noch nie alleine ein Drehbuch geschrieben.
Ruby erlebte noch nie so ein großes Verlustgefühl wie nach dem Tod des Ehemannes.

Die Umsetzung:
Ruby will Nora zeigen, dass alles nur halb so schlimm ist, damit sie irgendwie zum Schreiben kommt.
Sie entscheidet sich, in der Wohnung ordentlich aufzuräumen, dreckige Kleider zu waschen und den Kühlschrank aufzufüllen. Deshalb will sie zum Markt gehen und einkaufen.

Bei genauerem Hinsehen kann man das Schema von Frau Cron problemlos in das von Swain überführen. So sieht sein Schema einer Szene aus:

Konflikt: Die Produzentin verlangt das Umschreiben des Drehbuches. Ruby hat noch nie alleine eines geschrieben, sondern immer mit dem kürzlich verstorbenen Gatten gearbeitet. Ihre Schwester Nora will sie aufgrund ihres psychischen Zustandes aus der Wohnung werfen und schlägt einen Klinikaufenthalt vor.

Desaster: Ruby weiß nicht, wie sie alleine das Drehbuch umschreiben soll. Sie muss es aber tun, weil das Drehbuch die letzte Verbindung zum Verstorbenen darstellt. Gewinnt Nora und Ruby kommt in die Klinik, fällt das Schreiben erst einmal flach, da der Termin der Produzentin nicht gehalten werden kann.

Reaktion: Ruby sieht keine andere Möglichkeit als die Umschreibung des Drehbuches. Sie empfindet es als Pflicht gegenüber ihrem toten Ehemann. Nora ist momentan das wichtigste Problem. In der Klinik könnte Ruby nie zum Schreiben kommen.

Dilemma: Wie kann man Nora umstimmen? Ihr gehört die Wohnung, sie hat dadurch Macht über Ruby.

Entscheidung: Wohnung ordentlich putzen, Kleider waschen, dadurch einen guten Eindruck herstellen. Zusätzlich sollte der Kühlschrank aufgefüllt werden. Ruby will zum Markt gehen.
Im Endeffekt sind es also zwei Seiten der gleichen Münze. Am Konzept von Frau Cron finde ich die Beschäftigung mit der sogenannten „dritten Schiene“ sehr sinnvoll. Neben Ursache und Wirkung erfordert die Arbeit an der dritten Schiene, sich mit der Gedankenwelt der Romanfigur auseinanderzusetzen. Zwangsläufig sieht man dadurch die Ereignisse des Plots aus ihrer Sicht, kann die Wirkung auf die zentrale Figur besser erkennen. Dadurch kommt man leichter auf das Ziel für die nächste Szene und verhindert ein automatisiertes Abarbeiten der Szenenanforderungen.

Wie immer muss jedoch jeder selbst entscheiden, welche Methode am geeignetsten ist.

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Bildquelle

  • Szenenplanung: “Girl With Laptop At Home” by marcolm freedigitalphotos.net

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