Buchcover und Inhalt – Ein Gegensatz?

Das Buchcover erfüllt viele Aufgaben. Es soll ein Appetitanreger sein, ein Verkaufsargument. Dies erreicht man durch sorgfältige Wahl des Covers. Doch stehen Bild und Inhalt des Buches immer in einem richtigen Zusammenhang? Die Unterschiede zwischen den Titeln des amerikanischen und deutschen Marktes waren Anlass für eine kritische Untersuchung.

Ich lese gerne Fantasy, insbesondere die Bücher eines Autorenehepaars, das unter dem Pseudonym Ilona Andrews veröffentlicht. Die Bücher gibt es auch in deutscher Übersetzung. Das erste Buch der sogenannten „Kate-Daniels-Serie“ trägt im US-Markt den Titel „Magic Bites“ und in Deutschland den Titel „Die Nacht der Magie“ unter dem Serientitel „Stadt der Finsternis“. Beides passt irgendwie überhaupt nicht. Die Handlung spielt zwar teilweise in der Stadt Atlanta, doch sie als finstere Stadt zu bezeichnen wäre übertrieben. Den ersten Teil dieser Serie als „Nacht der Magie“ zu bezeichnen halte ich ebenfalls für abwegig. In der Handlung ist die Magie allgegenwärtig, kommt zwar in Wellen, aber nicht immer in der Nacht. Den US-Serientitel „Kate Daniels Reihe“ finde ich besser, sie kommt der Realität des Buches nahe.

Sehen wir den Titel an. Im US-Markt gibt es auf dunklem Hintergrund die Abbildung einer Frau und eines Löwen. Kenner der Serie erkennen in dem Tier Curran, den Gestaltwandler und Herrn der Bestien. Das erschließt sich aus dem Buchcover natürlich nicht. Man könnte meinen, eine Dompteuse aus dem Zirkus vor sich zu haben.

Andrews_Magic_bites

Wie sieht das deutsche Buchcover aus? Man hat das Abbild einer jungen Frau mit blauen Augen, etwas sinnlichem Blick und einem vermutlich mit Photoshop eingefügtem Schwert vor sich. Ein angebliches Tattoo auf der rechten Wange, welches die Heldin im Buch allerdings nicht besitzt, ergänzt das Bild.

stadt_finsternis

Beide Bücher sind der Auftakt der Kate Daniels Serie, Band 1. Das Buchcover in Deutschland ist besser, hat einen helleren Hintergrund.

Wie sieht es im zweiten Band aus?

Der Hintergrund ist schon wesentlich besser, diesmal sieht man ein schöneres Model mit einem Schwert und einer beleuchteten Stadt im Hintergrund. Der abgebildete Löwe sieht dagegen dämlich aus, so wie nach einer durchzechten Nacht oder dem dritten Schlag auf dem Hinterkopf mit Verringerung der Intelligenz um 80 %. (Vielleicht hat Curran in seiner menschlichen Gestalt auch einen Joint zu viel geraucht)

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Was macht der deutsche Band 2?

Er bleibt der Linie treu (never change a running system). Blaue Augen, Schwert und Stadt im Hintergrund, Pseudo-Tattoo auf der Wange.

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Eine andere Autorin: Kristin Cashore

Das Buchcover des ersten Buches der Autorin Cashore kommt im US-Markt mit dem Titel „Graceling“ daher, eine etwas eigenwillige Wortschöpfung. Es hat mit Gunst oder Schmuck zu tun (siehe „to grace“), die deutsche Übersetzung lautet deshalb: „Die Beschenkte“. Es zeigt eine Kämpferin mit Schwert.

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Was sehen wir in Deutschland? Den Hinterkopf einer vermutlich hübschen Frau und eine mit Photoshop eingefügte Tätowierung, die auf einer Tapete eine bessere Figur machen würde. Ziemlich viel nackte Haut, ein Hauch von Romantik? Na gut, einigen wir uns auf Sex Appeal.

Zwei Verpackungen für den gleichen Inhalt. Ja, ich habe das Buch gelesen, es ist teilweise eine romantische Story, hat teilweise etwas von Kampf und Verrat und leider ist der Mittelteil sehr langweilig zu lesen. Aber immerhin eignet er sich als Einschlafhilfe. Frau Cashore hat in ihrem Debütroman leider ein sehr großes „Sagging Middle“ eingefügt. Daran hätte man noch arbeiten können.

Das US-Cover hingegen verkauft uns eine ganz andere Story. Eine junge, schlanke Frau mit Schwert, bereit zum Kampf. Love-Story? Nö, höchstens man vollzieht das neuerdings mit Schwertern. Die Dame auf dem Cover sieht eher so aus wie eine, mit der man keinen Streit anfangen sollte. Dem Inhalt des Buches wird das Buchcover nicht gerecht.

Ich lasse den wenig gelungenen Band 2 aus und springe gleich zu Band 3, dessen Handlung mir wesentlich besser gefallen hat. Hier hat die Autorin eine nachvollziehbare positive Entwicklung durchgemacht und ihr Handwerk verbessert. Der deutsche Titel ist „Die Königliche“ und auch die Dame mit königlicher Abstammung hat eine Gemeinsamkeit mit „Der Beschenkten“: Einen tätowierten Rücken und einen Zopf im Haar.

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Nun, ein schöner Rücken kann auch entzücken, heißt es ja dauernd. Aber, wie will uns der US Büchermarkt die Story verkaufen um eine junge Königin mit dem Namen Bitterblue und der Intrige, in die sie gerät?

cashore_Orig_3

Ich habe es gewusst.

Eine junge Frau im Kapuzenmantel, das Messer gezückt, momentan vom Winde etwas verweht (Sorry, nur der Mantel ist verweht). Ja, auch die Frau sieht aus, als sollte man mit ihr lieber keinen Streit beginnen. Der Titel lautet „Bitterblue“, was auch der Name der jungen Königin ist. Doch die Handlung ist eigentlich relativ unblutig und nein, Königin Bitterblue läuft nicht mit dem Messer herum und ersticht dauernd Leute (Ja, sie hat immer Messer dabei, benutzt sie jedoch äußerst selten). Die meiste Zeit ist sie das Opfer und ihre Kampfkünste reichen gerade so zur Selbstverteidigung. Sie lebt auch nicht in einer eisigen Umgebung (der Hintergrund sieht aus wie Alaska im Herbst). Die Amazone, als die Bitterblue hier dargestellt wird, ist sie jedenfalls nicht. Ich halte sie für ein normales Mädchen, das gerade ihre ersten Erfahrungen mit der Härte des Lebens und der ersten Liebe macht. Also passt das deutsche Titelbild leicht besser, die Freunde der Romantik werden kaum enttäuscht, wenn sie den Inhalt lesen.

Tja, was soll man von diesem Vergleich halten? Auf dem US Markt scheint sich alles, was mit Kampf, Auftreten wie eine Amazone und blinkenden Waffen zu tun hat, gut zu verkaufen. Der deutsche Markt fordert hingegen mehr Romantik, einen Blick aus stahlblauen Augen (siehe Stadt der Dunkelheit) und leicht sinnlich geöffnete Lippen. Außerdem verkauft sich ein nackter Rücken gut. Im Allgemeinen haben die deutschen Verlage sich mehr Arbeit mit dem Buchcover gemacht. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Buchcover und Inhalt? Sorry, kann ich nicht erkennen.

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