Ein lustiger Krimi

Lustiger Krimi ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Entweder sind Krimis spannend oder langweilig. Lustig sollte ein Krimi nie sein. Schon nach kurzem Wühlen im Fundus eines DKZ-Verlages habe ich etwas gefunden, das genau dieser Vorlage entspricht. Es ist ein lustiger Krimi, auch runde Ecke oder kerzengerade Kurve genannt.

Es ist einerseits lustig, solche Werke zu lesen, andererseits auch traurig. Da hat jemand einen „Roman“ geschrieben und statt dem Autor den Tipp zu geben, mehr und härter an sich zu arbeiten, knöpfte ihm der DKZ-Verlag ordentlich viel Geld ab und druckte den „Krimi“. Andererseits denke ich mir, dass diese „Autoren“ selbst schuld sind. Es gibt in der heutigen Zeit genügend Möglichkeiten, um ein Buch kostenlos zu veröffentlichen. Kommen die schlechten Bewertungen herein, so bleibt dem Autor der Trost, wenigstens nur Freizeit geopfert zu haben und kein Erspartes. Statt Geld einem DKZ-Verlag in den Rachen zu werfen, hätte man es eher für Schreibratgeber ausgeben sollen.

Aber nun, beginnen wir das Bühnenstück, so es zwar grausam schlecht ist, zumindest mit einem netten Prolog von Shakespeare (Heinrich V):

Verkürzet das Ereignis manches Jahrs

Zum Stundenglase. Dass ich dies verrichte,

Nehmt mich zum Chorus an für die Geschichte,

Der als Prolog euch bittet um Geduld;

Hört denn und richtet unser Stück mit Huld!

Nun zum Krimi:

Jemand stieß ihn über die Klippe, er fiel, es wollte nicht aufhören, dann plötzlich wurde der Fall gebremst, ein Baum oder Strauch, der aus der Felswand ragte, hatte ihn aufgefangen. 

B. erwachte aus diesem Albtraum schweißgebadet.

Er konnte sich nicht erinnern, je einen so realistischen Traum gehabt zu haben. Vielleicht war es das Essen von gestern Abend oder das Bier mit Schnaps, welches er kurz vor dem Zubettgehen zu sich genommen hatte.

Wie es auch sei, er war froh, all das nur geträumt zu haben, er versprach sich, in Zukunft seine Abendmahlzeiten etwas früher einzunehmen.

Puh, da muss ich mir den Schweiß von der Stirn wischen. Im ersten Moment dachte ich schon, es wäre ein spannender Krimi. Gott sei Dank informiert mich der Autor gleich zu Beginn des Romans, dass alles nur ein Traum ist. Glück muss der Rezensent haben.

Unser Held B. ist übrigens ein Berater in einer Bank, die nur für Millionäre da ist. Der Leser wird recht schnöde über den Alltag des Helden informiert.

Für das allgemeine Volk war die Bank eher unbekannt, nur die Millionäre wussten, dass ihr Geld bei dieser Bank bestens aufgehoben war.

[…]

Grund zur Besorgnis hatte er nicht, für seine Kunden machte er trotz Finanzkrise sehr gute Geschäfte, seine Kunden vertrauten ihm und empfahlen ihn weiter. B. hatte sein eigenes System, Kunden zufriedenzustellen.

Die von der Bank erlassenen Richtlinien hielt er getreu ein, nämlich den Kunden die Vorteile und Risiken einer Investition zu erklären.

Man merkt sofort, dass der Held ein netter Mensch ist, denn er hält sich an die Vorgaben seines Arbeitgebers. Das ist höchst ungewöhnlich im Berufsleben. Da macht nämlich jeder Mitarbeiter was er will und zeigt den Vorgesetzten eine lange Nase. Trotzdem wird keiner entlassen, denn die Chefs sind einfach zu blöd um zu merken, dass die Untergebenen die Anweisungen nicht befolgen.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen nahm sich B. mehr Zeit, die Risiken im Detail den Kunden zu erläutern, sodass diese vor mancher Fehlinvestition bewahrt wurden.

Investoren tauschen gerne ihre Erfahrungen über gelungene oder Fehlinvestitionen untereinander aus. B. wurde durch seine klugen Anlagestrategien schnell als kompetenter Berater bekannt.

Der Kunde merkte, dass B. nicht nur das Interesse der Bank vertrat, sondern auch die seinen. Diese Taktik brachte B. eine große Anzahl Neukunden, die nur von B. beraten werden wollten.

Der Direktor war sehr zufrieden, er machte B. Hoffnungen auf eine baldige Beförderung zum Vizedirektor.

Leider wird diese Karriereplanung brutal zerstört. Es gibt nämlich einen bösen Kollegen, den M., der auch einen richtig bösen Grund hat, um B. zu vernichten.

M. brauchte Geld um seine Spielschulden zu begleichen, die Geldverleiher hatten ihn schon gewarnt, und diese Warnungen der Russen Mafia musste man ernst nehmen.

Na klar, Spielschulden bei der Mafia sind eine ernste Sache und kein Klischee, sondern ein ungewöhnliches Motiv. Man merkt, dass der Autor viel Zeit in die Plotplanung investierte.

Unser Held wird beschuldigt, Kundengelder auf sein eigenes Konto abgezweigt zu haben. In Wahrheit ist er natürlich unschuldig, denn es war der M. Leider ist unser B. trotz seiner Beraterkompetenz irgendwie auch ein Trottel.

Leider war er in seiner Arbeitsweise etwas zu vertrauensselig und ließ öfter seinen Computer unbeaufsichtigt, während er Kundenbesuche machte.

Na, so ein Pech aber auch! Da steht der arme Computer ganz alleine herum, voller Angst, während sein Benutzer außer Haus ist. Wie kann so etwas passieren? Kann man den nicht vorher abschalten, mit einem Passwort sichern? Laptops oder Notebooks sind in der Bank unbekannt? Geht man zur Beratung eines Millionärs ohne Notebook, hat lediglich Papier dabei? Hier zeigt sich, wie ernst der Autor die Plotplanung nahm und mit welcher Akribie er an Handlungsdetails feilte. Es kommt ganz dick, unser Held muss vor Gericht erscheinen.

Am Tag der Gerichtsverhandlung war er darauf gefasst, mit einer bedingten Strafe davonzukommen, aber das Urteil sah anders aus.

Seine Unschuldsbezeugungen halfen ihm schlussendlich nichts, die Beweise waren eindeutig, sein Anwalt tat sein Bestes, den Richter milde zu stimmen, als Ersttäter wäre dies auch gelungen, aber entgegen dem Rat seines Anwalts, es zu unterlassen, sprach B. seinen Verdacht gegenüber M. aus.

Der Richter bewertete diese Aussage als hinterlistig und gemein, die Strafe wurde auf zweieinhalb Jahre festgelegt.

Ein gnadenloser Richter, auch das noch! Die ganze Welt hat sich gegen unseren Helden verschworen. Wie geht es nun weiter?

Zu Hause erklärte B. seine Abwesenheit für die nächsten zweieinhalb Jahre mit einem geschäftlichen Auslandsaufenthalt.

Klar, glaubt jeder sofort. Die Verwandtschaft besteht aus lauter Vollpfosten. Denen kann man die größten Märchen erzählen. Wahrscheinlich ist im Ausland auch dauernd das Handynetz gestört und deshalb ist B. telefonisch nie erreichbar. Ein Schelm, wer den Umstand nicht einplant. Vielleicht denkt B. sich auch, dass er vom Gefängnis ab und zu daheim anrufen darf (vom Münztelefon) und eventuell arrangierte er auch eine Deckadresse, damit ihn Briefe erreichen. Wäre ja peinlich, als Zieladresse eine JVA angeben zu müssen. Diese Sache mit Email, Twitter und Facebook funktioniert die nächsten 2,5 Jahre ebenfalls nicht, denn B. ist in einem weit entfernten Ausland. Dort verständigt man sich noch mit Rauchzeichen. Wozu diese Leute einen Bankberater brauchen? Äh, hm, nächste Frage?

Nun stand B. vor dem Vollzugsgebäude des Gefängnisses und schickte sich an, der Welt für lange Zeit Adieu zu sagen. Nach Entgegennahme seiner Gefängniskleidung wurde B. einer Zelle zugeführt, die Nummer 25 sollte von nun an sein Domizil sein.

Die Zelle war schon mit einem Insassen belegt.

Es ist für einen Autor besonders wichtig, sich nicht mit Details zu befassen. Schlimm wäre es gewesen, hätte der Autor hier erklärt, wie sich der B. in der JVA fühlt, wie es darin aussieht. Auch die Gedanken des Helden sind unwichtig in diesem so einschneidenden Moment seines Lebens. Die Emotionen, die Gedanken angesichts des Umstandes, nun für Jahre eingesperrt zu sein, sollte man dem Leser unbedingt vorenthalten. Sonst fühlt er noch mit, wird mitgerissen von der Tragödie des Helden, taucht in die Atmosphäre der Handlung ein. Solchen Unsinn kann sich kein Autor leisten. Das macht den Roman langatmig. Es ist deshalb gut, die Ankunft in der JVA, die Aufnahmeprozedur und das Eintreffen in der Zelle in zwei Sätzen schnell abzuhaken. Autoren schreiben Bücher, da bleibt keine Zeit für Firlefanz.

B. fand seinen Zellengenossen eine angenehme Überraschung und hoffte in ihm einen angenehmen Mithäftling zu finden, um die Zeit im Gefängnis erträglich zu machen.  H. zeigte ihm, wo er seine Toilettensachen und Kleider verstauen konnte.

Nach einigen Tagen in der Zelle fanden die zwei sich immer sympathischer.

Auch hier gilt natürlich, dass man sich als Autor keinesfalls mit Details, wie dem Aussehen der Zelle, abgeben sollte. Ebenso langt es, einfach zu erzählen, dass der Zellengenosse ein sympathischer Kerl ist. Der Leser glaubt es. Show don´t tell wird systematisch überbewertet.

Die Freundschaft der beiden Zellengenossen wurde durch ein Vorkommnis gefestigt, bei einem Ausbruchversuch zweier Mithäftlinge passierte Folgendes: Beim täglichen Ausgang im Hof wurde ein Wärter von zwei Häftlingen angegriffen, sie wollten an die Schlüssel, um vom Hof aus in den Garten und von dort in die Freiheit zu gelangen.

E. und H. flanierten wie jeden Tag im Hof, dieser Ausgang war für beide eine willkommene Abwechslung in ihrem Tagesablauf, als sie die Hilferufe des Wärters hörten.

E. und H. waren ganz in der Nähe des Geschehens, ohne zu überlegen rannten sie dem Wärter zur Hilfe.

Als die Verbrecher die beiden auf sich zustürmen sahen, dachten sie zuerst, dass sie mit ihnen fliehen wollten, und merkten zu spät, dass sie dem Wärter zu Hilfe kamen.

Einer der Angreifer hatte inzwischen die Pistole des Wärters auf H. gerichtet und wollte gerade abdrücken, als B. ihm mit einem tigergleichen Satz seine Fußspitzen auf den Unterarm setzte.

Die Pistole flog in einem kurzen Bogen hinter B., der gewandt die Waffe aufhob und die zwei Verbrecher nun in Schach hielt.

In der Zwischenzeit waren andere Wärter durch den Tumult aufmerksam geworden, hatten die Gruppe umzingelt und B. die Waffe aus der Hand genommen.

Der betroffene Wärter bedankte sich bei beiden und von diesem Tag an wurden B. und H. als bevorzugte Gefangene behandelt.

Das Scheitern eines Gefängnisausbruchs sollte jeder Autor möglichst schnell und schnörkellos herunterschreiben, da Spannung für einen Krimi schädlich ist. Auch ist das Aufzeigen von Emotionen strikt zu vermeiden. Ferner sollte man sich keinesfalls mit der Realität befassen. So sind JVA-Beamte im direkten Gefangenenkontakt nicht mit Pistolen bewaffnet, aus Sicherheitsgründen. Eine kurze Recherche hätte das ans Tageslicht gebracht. Aber als Autor hat man mit dem Schreiben schon genug zu tun. Wo soll die Zeit für Recherchen herkommen?

Auch frage ich mich, was der Autor meint, wenn er schreibt:

als B. ihm mit einem tigergleichen Satz seine Fußspitzen auf den Unterarm setzte.

Man nimmt die Fußspitze, setzt sie auf den Arm und dann? Wie geht das, eine Fußspitze auf einen Arm setzen, der nicht auf dem Boden liegt? War das eine zärtliche Berührung? Es klingt so, denn setzen ist etwas anderes als treten oder schlagen. Halt, ich habe es vergessen! Der B. ist Bankberater und kein Kampfsportler. Deswegen kann er den Fuß bzw.  dessen Spitze nur irgendwo hinsetzen, aber nie damit treten.

Der Anlass für die frühzeitige Entlassung von B. war dieser mutigen Tat zu verdanken, auch H. erhielt eine Reduktion seiner Strafe, sodass H. nur einige Wochen nach B. in die Freiheit zurückkehren sollte.

Der Tag von B.s Entlassung kam, er musste Abschied nehmen von seinem Freund, der noch einige Wochen absitzen musste. H. war untröstlich über den Verlust seines Freundes und ließ diesen mehrmals schwören, ihn ja nach seiner Entlassung zu treffen.

Tja, so neigt sich eine schicksalhafte Episode im Leben des B., der Gefängnisaufenthalt, dem Ende entgegen. Der Alltag im Gefängnis wurde dem Leser vorenthalten, denn er ist nur ein schmückendes Beiwerk, ohne Belang für den Plot. Stimmung und Atmosphäre zu vermitteln ist keine Autorenaufgabe.

Dieses Werk findet sich auf den internationalen Bestsellerlisten, wurde in tausende Sprachen übersetzt und …

Wie?

Ladenhüter, kauft kein Mensch? (außer engen Verwandten, Bekannten, also die üblichen Verdächtigen, die auf Amazon oder der Homepage des DKZ-Verlages Höchstnoten vergeben)

Warum kauft das Buch keiner, es ist doch soooo gut? Irgendwie verstehe ich das alles nicht.

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Bildquelle

  • ID-100275131: stockfoto freedigitalphotos.net

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