Fantasy: Tyrannei der Mega-Romane?

Im britischen „Guardian“ las ich neulich eine interessante Diskussion über sogenannte Mega-Romane im Bereich Fantasy. Romane, die sich über mehr als drei Bücher hinziehen, sich die Anzahl der Bücher von GRR Martin mit seinem berühmten „Game of Thrones“ vorgenommen haben. Gibt es die Tyrannei der Mega-Romane?

Den Anfang in dem Streit machte der Guardian mit dem etwas reißerischen Artikel „Fantasy must shake off the tyranny of the mega-novel.“ Der Autor begründet seine Meinung mit dem Hinweis, dass seit der Zeit, als Tolkien die Basis für Trilogien legte, die Volumina stetig zunahmen. Zwar gab es auch schon in der Vergangenheit riesige Romane, z.B. „Krieg und Frieden“ oder „Les Miserables“. Seit dem Erfolg von „Das Lied von Eis und Feuer“, so der deutsche Titel, würden die Verlage nur noch solche Werke verlangen. Als Beispiel wird der in Deutschland eher unbekannte Autor John Gwynne genannt. Dessen Fantasy-Serie „The Faithful and the Fallen“ bekam vom Verlag eine Fortsetzung für drei weitere Romane zugesprochen. Angeblich wurde eine sechsstellige Summe als Honorar vereinbart.

Der Guardian bemängelt – meiner Ansicht nach mit Recht – dass in den letzten Jahren viele Fantasy Romane als neues „Lied von Eis und Feuer“ hochgepuscht wurden, nur um wenige Monate später wieder in der Versenkung zu verschwinden. Die Leser merkten, dass es eben kein neuer GRR Martin gewesen ist und die Marketing Kampagne mehr versprach, als der Autor halten konnte. Die Zeitung führt aus, dass GRR Martin bereits 40 Jahre alt war, als er mit der Arbeit an „Game of Thrones“ begann und zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine lange Schriftstellerkarriere zurückblicken konnte. Diese Art der Erfahrung benötigt ein Autor, bevor er sich an ein Mega-Werk in der Art von „Game of Thrones“ herantrauen kann.

Etwa eine Woche später kam von der – in Deutschland ebenfalls eher unbekannten Autorin  – Natasha Pulley die Retourkutsche. Allerdings denke ich, dass sie die grundlegende Argumentation des vorherigen Artikels nicht verstanden hat. Sie argumentiert am Beispiel des Autors Robin Hobb, dessen Trilogie „Der Schattenbote“ auch in deutscher Sprache erhältlich ist. (Robin Hobb ist übrigens das Pseudonym einer Autorin, lt. Amazon Klappentext. )

Fantasy der Art von GRR Martin hängt nach Frau Pulley mit der Erschaffung von Welten zusammen, dem Erfinden zusammenhängender Details, die den Leser in das Unbekannte hineinziehen. Gerade in den Zeiten, in denen „Show, don´t tell“ jedem neuen Autor eingehämmert wird, ist zur Erfüllung des Konzeptes viel Platz erforderlich. Dem stimme ich zu, Show don´t tell nimmt in einem Roman viel Platz ein.

Frau Pulley führt treffenderweise aus, dass dort, wo ein Märchen einfach nur erzählt: „Es war einmal eine Hexe“, ein Fantasy Roman ganz andere Kriterien erfüllen muss. Er benötigt eine Erklärung dafür, was Hexen überhaupt sind, wo sie herkommen, wie sie leben, eben das gesamte Drumherum der Kultur einer Hexengesellschaft. Diese Gesellschaft muss von Grund auf, Mauerstein für Mauerstein aufgebaut werden, damit sie für den Leser glaubhaft ist. Der Autor muss eine ganze Welt erschaffen. Dies braucht vor allem eines – viele Romanseiten.

Frau Pulley vergisst leider in ihrer Argumentation, dass Hobb ebenfalls eine Trilogie schuf. Zwar ist jeder Band sehr dick, aber es ist eine „übliche“ Trilogie, kein Mega-Roman wie „Game of Thrones.“ Der von ihr kritisierte Artikel beschäftigte sich mit „Mega-Romanen“, die weit über eine Trilogie hinausgehen. Ich empfinde es als Themaverfehlung, wenn man mit den „handelsüblichen“ Trilogien gegen Mega-Romane argumentiert.

Außerdem fallen mir gleich eine ganze Reihe von Romanen ein, die – teilweise trotz Seriencharakter – nicht von Anfang an als solche gedacht waren. Der erste Roman startete als normale Story, mit ein paar offenen Fragen am Ende, Platz für Sequels, okay, aber zuerst war es ein Einzelkind. Dazu noch eines, das trotz neuer Welt keine riesigen Seitenmengen verschlang, um diese dem Leser zu erläutern. Das ist nämlich trotz Show don´t tell ebenfalls eine Kunst, die einen guten Autor auszeichnet. Manchmal liegt eben doch in der Kürze die Würze.

Das sind meine Kandidaten:

Die Tochter der Königin: Autorin Dawn Cook

Aufgelegt als ein Roman mit ein paar Fragen am Ende, ist für mich die neue Welt sehr anschaulich, mit wenigen Seiten dargestellt. Gut zu lesen, mit spannenden Elementen. Es gab einen zweiten Teil, danach stellte die Autorin die Arbeit daran ein, weil andere Romane mehr Erfolg versprachen.

Die Beschenkte: Autorin Kristin Cashore

Erst aufgrund des Erfolgs kam ein – für mich etwas verunglückter  – zweiter Teil hinzu und noch ein dritter. Den fand ich schon besser. Auch hier ist die neue Welt sehr anschaulich dargestellt und man kommt mit wenig Seiten aus.

Die Nacht der Magie: Autorenehepaar Ilona Andrews

Nach Band 1 hätte Schluss sein können, aber die Story geht immer weiter. Die Handlung lebt von der schnoddrigen Heldin, die so gar nicht in das übliche Schema passt. Leider sind die Folgebücher etwas nach Schema F aufgebaut. Jedes endet mit einer epischen Schlacht am Ende, das macht es langweilig.

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  • Three books-dictionary are isolated on white background: aleks g. Fotolia.de

2 Gedanken zu „Fantasy: Tyrannei der Mega-Romane?“

  1. Game of Thrones ist vielleicht ein sehr gutes „schlechtes Beispiel“ für die kommerzialisierung des Fantasy-Genres, denn inzwischen schreibt der Autor seine Romane in zwei verschiedenen Versionen: eine für die Leserschaft und eine für die Fernsehserie, was ihm doppelt Gewinn bringt.
    Das ist verständlich, denn nicht jeder Schreiber folgt einer inneren moralischen Linie. Manchmal geht es schlicht ums Geld oder darum, unter allen Umständen veröffentlicht zu werden.
    Ich persönlich folge der Linie, einen Roman genau so zu schreiben, wie ich ihn selber gerne lesen würde. Bevor ich eine Geschichte oder eine Reihe beginne, lege ich ein Rahmenkonzept fest, in dem die Inhalte jedes einzelnen Romans und die Anzahl der Folgen festgelegt ist. So beende ich eine meiner Reihen mit Band 12, obwohl mich viele Stammleser gebeten haben, sie doch fortzusetzen. Aber ich muss zugeben, dass ich nun einmal keine Schriftsteller mag, die kein Ende finden, bevor nicht auch der letzte Leser abgesprungen ist. zudem ist eine Serie natürlich auch sehr bequem, denn der Autor spart eine Menge Phantasie und Arbeit. Er kann, beliebige folgen lang, auf Altbekanntem aufbauen, würzt diesen Eintopf lediglich mit ein paar neuen Personen und Konflikten und – voila – der Dollar oder Euro rollt.

    Bei großen Verlagen findet man oft nur „Mainstream“. Dabei veröffentlichen die Verlage ganz gezielt nur das, was gerade „in“ ist. Nach schlagfertigen Zwergen und unsterblichen Elben folgen dann liebestolle Vampire, sympathische Zombies und das, was die Lektoren als verkaufsträchtig einschätzen. Alles andere „passt nicht in das Verlagsprogramm“. Aus diesem Grund findet man gerade durch kleinere und kleinste Verlage noch das, was die Literatur eigentlich immer ausgezeichnet hat: die Vielfalt.
    Allerdings wird diese Vielfalt immer weiter schrumpfen, denn das Überleben für Kleinverlage wird immer schwieriger. So erhebt die Internetplattform „amazon“ Konditionen, die für viele der „Kleinen“ nicht mehr tragbar sind, die damit aus dem Sortiment fallen. Eine durchaus schwierige Situation, zumal „amazon“ ohnehin kaum 30% der verfügbaren Literatur anbietet und seine Kunden mit dem Eigenprodukt „Kindle“ nur amazon-Angebote nutzen können. Andere Reader haben diese Einschränkung nicht.

    Doch zurück zu „Game of Thrones“ und anderen Endlosserien.
    Ja, die Welt von GOT ist komplex und sehr vielschichtig, aber…
    Eine neue Welt, mit den Facetten des sozialen, wirtschaftlichen und technischen Gefüges unterschiedlicher Zivilisationen zu erschaffen, ist nun einmal eine Menge Arbeit. Dazu braucht man die besagte Phantasie und mancher bekannte Autor scheut vor dem Experiment zurück, neues zu schaffen und seine Gabe auszuschöpfen.
    Der Autor von GOT geht einen sehr bequemen Weg, den ich keineswegs bewundern kann. Er baut auf dem altbekannten auf, entwickelt es ein wenig weiter und bringt im Grunde nichts Neues. Scharf formuliert, hat er „Dallas“ und „Denver“ (wer es noch kennt) mit viel Mittelalter und Mittelerde gewürzt und jede Menge zwischenmenschlicher Aktivitäten eingebaut. Aber- unbestritten – es ist ein Megaseller und ich sehe die Serie selber gerne. Sorry, die Romane lohnen aus meiner Sicht einfach nicht mehr.
    Welterfolge wie „Game of Thrones“, „Herr der Ringe“ oder „Panem“ lösen leider immer zwei Effekte aus: Verlage, die ganz gezielt Manuskripte nehmen, welche irgendwie in diese Richtung gehen, und Schreiber, die diesem Wunsch nur zu gerne nachkommen.
    Mein Rat ist ein Schwert mit zwei Schneiden: Eigene Ideen verfolgen und so schreiben, wie man es selber gerne lesen würde. So findet man seinen eigenen Stil und bleibt ihm treu. Allerdings mit dem Nachteil, dass man vielleicht keinen Erfolg damit hat :-).
    Zum Schluss noch eine Anmerkung: Ratgeber können sehr hilfreich sein, aber wer keine Geschichte zu erzählen hat, dem nutzt die beste Anleitung nichts.

    1. Um eine Lanze für die Verlage zu brechen: Angeboten wird das, was gekauft wird. Ich persönlich warte schon seit Jahren darauf, dass die Vampirwelle endlich ausläuft, aber das Zeugs wird anscheinend immer noch gekauft. Auch können diverse Autoren, die hauptberuflich arbeiten, es sich nicht leisten, gegen den Strom zu schwimmen. Sie produzieren für den Markt und der Markt – also wir alle – sorgen durch Käufe für die Tantiemen. Seinem Stil treu bleiben ist eines, aber Rechnungen müssen bezahlt werden. Unter der Brücke zu schlafen, weil keiner das eigene Werk kauft und man lieber seinem Stil treu bleibt, bringt nichts. Ich sehe die Sache pragmatisch. Autoren sind Dienstleister, ihr Angebot richtet sich nach dem Willen der Leser. Dabei Geld zu verdienen ist in Ordnung.
      Anbei ein Link zu einem satirischen Youtube-Video: Das letzte Wort: Verkaufen!

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