Bernard Cornwell Das letzte Königreich

Cornwell spielt mit einer Uhtred-Saga in der ersten Liga der Historischen Romane aus der Wikingerzeit. Was sind die Gründe?

In der ersten Liga zu spielen ist einerseits eine tolle Sache, andererseits mit einem Wermutstropfen verbunden wenn man dort einsam ist. So geht es Bernard Cornwell. Im letzten Beitrag behandelte ich das Buch eines Autors, der angab, von Cornwell inspiriert worden zu sein, ihn als Vorbild zu betrachten. Es ist gut, Vorbilder zu haben. Schlecht ist es, wenig von ihnen zu lernen.

Die Uhtred-Saga ist ein mehrteiliges Werk, das von Uhtred von Bebbanburg handelt, der in der Welt zwischen Dänen und Engländern pendelt, zum Schluss aber bei König Alfred landet. Obwohl er Thors Hammer als Amulett am Hals trägt, kämpft er für die christlichen Engländer. Mit der Frömmigkeit König Alfreds kann er wenig anfangen. Band 5 der Reihe, in der ich einstieg, ist ein Tiefpunkt. Band 1 gehört zur Spitzenklasse.

Was man Cornwell allerdings vorwerfen muss ist der Mangel an Emotionen, die er Uhtred mitgibt. Manchmal glaubt man beim Lesen eine Maschine vor sich zu haben. Außer Kampf interessiert sie nicht viel. Der Roman wird dadurch leider einseitig, obwohl gerade das Thema eines Mannes, der zwischen zwei Welten pendelt, einiges Potential besitzt.

Ein Hochziehen der Augenbrauen hatte ich erstmals auf Seite 27. Uhtred lebt noch auf der väterlichen Burg und erwartet den älteren Bruder zurück. Er sollte die Wikinger ausspähen und Bericht erstatten. Vorbei kommt jedoch Jarl Ragnar und wirft den Kopf des Bruders vor das Tor. Leider lese ich nicht, wie Uhtred emotional darauf reagiert. Eher berichtsmäßig geht die Handlung weiter.

Besonders schwach fand ich die Szene auf Seite 352. Brida, Uhtreds langjährige Geliebte, die erste Frau in seinem Leben, verlässt ihn. Ihr gefällt das Leben bei den Engländern nicht, sie will lieber bei den Dänen bleiben. Cornwell handelt das in sechs Sätzen ab.

Ich weinte um Brida und fühlte mich verlassen. Ich war noch zu jung, um eine solche Abkehr hinnehmen zu können. In der Nacht hatte ich sie zu überreden versucht, bei mir zu bleiben, doch ihr Wille war so stark wie Ealdwulfs Eisen. Sie ging mit Ragnar an Bord der Windviper und ließ mich weinend zurück. In diesem Moment hasste ich die drei Spinnerinnen [Nornen], die so grausame Gaukeleien mit ihren leicht zerreißbaren Fäden wirkten. Dann holte mich der Fischer ab und brachte mich nach Hamtum zurück.

Erzählen, von Anfang bis Ende. Dagegen sind die Kampfschilderungen im Roman die reinsten Gefühlsausbrüche. Ich weinte um Brida und fühlte mich verlassen. Banaler kann man einen Abschiedsschmerz nicht schildern. Besonders fehl am Platz ist der letzte Satz: Dann holte mich der Fischer ab und brachte mich nach Hamtum zurück. Sorry, das ist geschäftsmäßig nüchtern. Das kann man schreiben als Ende der Schilderung eines Stadtbummels. Wenn die langjährige Geliebte den Romanhelden verlässt, erwarte ich vom Autor mehr als einen billigen Absatz. Das zeigt leider den geringen Stellenwert, den Cornwell Emotionen einräumt, die nichts mit Kampf zu tun haben.

Ansonsten zeichnet Cornwell ein realistisches Bild der damaligen Zustände. Einerseits die Frömmelei der Engländer und der Glaube, dass man nur fleißig beten müsse, damit die Angreifer verschwinden. Andererseits die Grausamkeit, aber auch die Freiheit der Nordmänner. Deren Frauen haben aufgrund des Rechts, jederzeit die Scheidung verlangen zu können, eine andere soziale Stellung. Mit der Scheidung ist das Recht verbunden, die Mitgift zurückzufordern. Das bedeutete für den Mann oft die finanzielle Katastrophe. Cornwell schildert das indirekt. Ragnar, der Schrecken auf dem Schlachtfeld, hat daheim wenig zu sagen. Als er von Speisen naschen will, schlägt seine Frau ihm auf die Finger und verbietet es.

Die Bedeutung altnordischer Fachbegriffe wird bei Cornwell intelligenter erklärt als bei Giles Kristian. Auf Seite 56 redet Uhtred mit Ravn, einem Mann, der mehrere Sprachen spricht und deshalb zwischen Uhtred und den Dänen übersetzen kann.

„… denn ich bin ein Skalde.“

„Ein Skalde?“

„Dein Volk würde mich Barde nennen.“

Hier wird der Begriff indirekt dem Leser durch ein Gespräch zweier Romanfiguren erklärt. Es klingt an dieser Stelle ungekünstelt, da beide Personen aus unterschiedlichen Kulturen stammen. Was ein Skalde ist, kann Uhtred nicht wissen. Gerade bei solchen Kleinigkeiten zeigt sich, ob ein Autor sein Handwerk versteht. Erfüllen die Romanfiguren ihre eigenen Informationsbedürfnisse oder die Erfordernisse des Autors?

Intelligent geht Cornwell auch vor, wenn es um Begriffe geht, die Uhtred schon kennt. Er weiß beispielsweise, was das altenglische Wort Fyrd bedeutet. Der Leser weiß es nicht. Cornwell löst es sehr intelligent auf Seite 128, wo wieder Uhtred und Ravn miteinander reden. Sie beobachten, wie das englische Heer stets kleiner wird.

„Erntezeit“, sagte Ravn verächtlich.

„Was bedeutet das?“

„Sie nennen ihr Heer Fyrd“, erklärte er und vergaß offenbar für einen Moment, dass ich Engländer war. „Jeder Mann ist zum Dienst im Fyrd verpflichtet, aber wenn die Feldfrüchte reif sind, ziehen sie zur Ernte auf ihre Höfe zurück, weil sie sonst fürchten müssen, den Winter über zu hungern.“

In dem beiläufigen Satz „er vergaß offenbar für einen Moment, dass ich Engländer war“, deutet Cornwell die Verwunderung Uhtreds darüber an, ihm bekannte Dinge erklärt zu bekommen. Dem Leser wird der Begriff Fyrd auf natürliche Art und Weise vermittelt. Ravn ist aufgrund seines Alters schon vergesslich geworden, Uhtred schweigt aus Höflichkeit. Auch hier bedienen die Romanfiguren ihre eigenen Ziele, nicht die des Autors. (Jedenfalls nicht direkt. Indirekt hat Cornwell natürlich geplant, dass der Leser etwas über das Wort Fyrd erfahren soll. Diese Planung gut vor dem Leser zu verschleiern, zeigt, welcher Autor sein Handwerk beherrscht.)

Zusammenfassend verdient Cornwell die erste Liga. Schön wäre es, wenn andere in diese Liga dazu stoßen könnten. Ich vermisse bei Romanen über die Wikingerzeit Emotionen, die nichts mit Kampf zu tun haben. Die Geschichte ist und war nie einseitig. Wenn Uhtred seine Mildrith heiratet, erwarte ich mehr darüber zu lesen als:

Ich nahm ihre Hände, öffnete sie und häufte dreiundreißig Schillinge darauf, so viele Münzen, dass sie nicht alle fassen konnte. „Für dich, Weib“, sagte ich.

Und das war sie jetzt, mein Weib. Noch am selben Tag brachen wir auf nach Osten, als Mann und Frau.

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Bildquelle

  • Uhtred1: www.amazon.de

2 Gedanken zu „Bernard Cornwell Das letzte Königreich“

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