Elizabeth May Die Feenjägerin

Während des Schlenderns über die Frankfurter Buchmesse entdeckte ich das Buch Feenjägerin von Elizabeth May. Leider gab es auf der Messe keine Kaufmöglichkeit, weswegen ich in der Innenstadt dafür einen Buchladen aufsuchte. Die Story hat Licht, leider aber auch Schatten.

Der Klappentext versprach „Schottland 1844. Tagsüber ist Aileana Kameron eine artige junge Frau aus den adeligen Kreisen Edinburghs.“ Klang schon mal interessant, also eine Story über die Vergangenheit, vermischt mit Fantasy-Elementen, denn der Text führt weiter aus: „Nachts hingegen schnallt sie sich ihren Dolch unter das Strumpfband und macht Jagd auf jene magischen Kreaturen, die einst ihre Mutter getötet haben: Die Elfen.“

Den Anfang des Romans fand ich gut geschrieben. Aileana befindet sich auf einem Ball und hört, wie ältere Frauen über sie tratschen. Man fand sie vor einem Jahr blutverschmiert über ihre tote Mutter gebeugt und das war Anlass für das Gerücht, sie selbst habe sie ermordet. Angewidert spricht Aileana mit einer Freundin über das böse Getratsche der alten Weiber. Der Romanstart klang gut für mich. Eine Frau, achtzehn Jahre alt, mit einer tragischen Geschichte und einem dunklen Geheimnis. Eigentlich ein Mix für einen tollen Roman.

Dann musste ich mehrere Dinge schlucken. Das im Buch beschriebene Schottland von 1844 ist ein anderes, denn es kommen diverse Steampunk-Elemente vor. So gibt es mit Dampfmaschinen betriebene Flugapparate und auch die elektrische Beleuchtung wurde lange vor der Arbeit des Herrn Edison erfunden. Das konnte ich dem Klappentext nicht entnehmen und die Überraschung war meinerseits negativ. Eigentlich erwartete ich eine Gesellschaft des echten Jahres 1844, mit allen dementsprechenden Problemen für eine Heldin, die mehr will als heiraten und Kinder bekommen. Das Zeitkolorit kam für mich zu kurz und beschränkte sich auf diverse Gespräche und Andeutungen, dass Aileana aufgrund ihrer Mitgift eine attraktive Partie sei.

Aber gehen wir systematisch an die Story heran:

Protagonistin: Aileana, 18 Jahre, will den Mord ihrer Mutter rächen und tötet die Verursacher, böse Feen.

innere Probleme: versucht die gesellschaftlichen Anforderungen (Ballbesuche, langweilige Gespräche mit Verehrern) mit ihrem Zweitleben als Rächerin in Einklang zu bringen.

äußere Probleme: Die wirklich bösen Feen sind eingesperrt und das Gefängnis ist nicht mehr sicher.

Unterstützer: Zwei gute Feen, sozusagen. Ich will nicht mehr spoilern.

Erzählstruktur: Ich-Erzähler, Präsens

Handlungsort: angeblich Schottland 1844, Edinburgh, aber tatsächlich in einer Art Steampunk Welt mit Flugmaschinen, Elektrizität usw.

Das Buch bietet keine abgeschlossene Handlung, sondern endet mit einem heftigen Cliffhanger.

Meine Kritikpunkte:

Aileana ist mir zu genial und hat Charakteristiken einer Mary-Sue. Innerhalb eines Jahres wird sie zur Kämpferin ausgebildet (von einer Helferfee). Gut, die Zeitspanne wäre realistisch bei intensivem Training. Da Aileana aber das Training vor ihrer Restfamilie und Bekannten geheim halten muss, ist es eher unglaubwürdig. Woher soll die Zeit kommen? Die Heldin ist eine begnadete Schrauberin und bastelt selbstständig Waffen, Bomben etc. Das wird mit der Kindheit erklärt, in der sie ebenfalls allerlei Spielzeug bastelte. Gut, könnte ich glauben. Leider wird die Bastelei während der Handlung dazu benutzt, fast alle Hindernisse zu überwinden. McGyver lässt grüßen. Auch Aileana kann aus einem Schnürsenkel eine Bombe bauen. Eine echte 18jährige hätte in vielen Situationen des Buches massive Probleme gehabt, wäre in Panik ausgebrochen. Aber Aileana kann alles, schafft alles. Nachts ist sie unterwegs und morgens trotzdem topfit.

Ein echtes Wunderkind.

Sie kann Flugmaschinen bauen, ist eine tolle Pilotin, kann mit der Armbrust formvollendet schießen und Fallschirmspringen beherrscht sie auch. Irgendwann war Aileana für mich nur noch langweilig, da zu perfekt, zu aalglatt, kein Mädchen mit Ecken und Kanten.

Das Töten der bösen Feen macht ihr Spaß, sie fühlt eine Art innere Erregung dabei. Sie nennt es „Hunger nach mehr“. Also muss sie mehr Feen töten. Gut, so eine Art psychologischer Trieb, das gibt es.

Leider erfahre ich das als Leser in fast jedem Kapitel. Das dauernde Lesen von Sätzen wie auf Seite 177: „Die Aussicht auf eine Schlacht genügt, um eine heiße Glut durch meinen Körper zu schicken. Auf zur Jagd“, Seite 184: „Dieses Mal reicht die Verzückung, die mir das Töten verschafft, fast aus, um mich zu überwältigen“, Seite 194: „Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Feen ich gerade abgeschlachtet habe“, Seite 203: „Das sind nur meine Opfer und ich. Der Jäger und die Beute“, Seite 376: „Meine Klingen durchschneiden Rüstungen, durchstoßen Knochen und Sehnen“ ermüdete. Aileana, das kampfgeile Mädchen.

Gähn.

Leider wird sie so zu einer langweiligen eindimensionalen Figur.

Die gesellschaftlichen Probleme der Heldin lösen sich dauernd in Luft auf. Einerseits soll sie auf Bällen mit Verehrern tanzen, andererseits kann sie das mit dem Vorwand von Kopfschmerzen vereiteln. Sie verlässt die Ballsäle und geht ihrem Rachefeldzug nach. Gleich am Anfang kämpft sie mit einer Fee und wird verletzt. Seite 36: „Mein Korsett und das Mieder meines Kleides hängen in Fetzen an mir herab. Darunter sieht man meine blutverschmierte Haut.“

Eigentlich wäre das ein heftiges Problem für jemanden, der wieder auf dem Ball erscheinen muss. Doch Aileana, die Unverwüstbare, löst alles ganz einfach. „Das Beste, was ich tun kann, ist meine Haare und Kleidung zurechtzuzupfen und vielleicht eines der Bänder an der Unterseite des Rocks abzuschneiden und um mein zerrissenes Mieder zu wickeln, bevor ich in den Ballsaal zurückkehre.“

Ja, so leicht ist das. Keiner der Dumpfbacken im Saal schöpft Verdacht, anscheinend sind alle irgendwie fehlsichtig, haben keine Ahnung wie Frauenkleider aussehen, oder so. Auch die angeblich beste Freundin Catherine, mit der Aileana auf dem Ball ist, merkt nichts. Hat wahrscheinlich Gedächtnisprobleme, das arme Ding. Veränderungen an dem Kleid der Freundin zu bemerken wäre ja auch intelligenzmäßig zu viel verlangt. Solche Anforderungen kann ein Mädchen des Jahres 1844 unmöglich erfüllen.

Es gibt im weiteren Handlungsverlauf bei den folgenden Bällen keine aufdringlichen Verehrer, niemanden, der Aileana so in Beschlag nimmt, dass sie sich nicht fortstehlen kann. Wie schön wäre ein Spannungsaufbau gewesen, wenn sie beispielsweise durch das Fenster eine böse Fee im Anmarsch gesehen hätte. Leider quasseln sie gerade zwei Verehrer tot, im Bestreben, sich gegenseitig zu übertrumpfen, Eindruck bei dem jungen Mädchen zu schinden. Aus so einer Situation wieder herauszukommen, das wäre knifflig gewesen. Das hätte mich als Leser elektrisiert. Das enge gesellschaftliche Korsett, in dem ein Mädchen des Jahres 1844 sich bewegen muss, wird viel zu wenig als Mittel für Konflikte benutzt. Dem Skandal, mit zerrissenem Abendkleid zu einem Ball zurückzukehren, nach einer fadenscheinigen Pause, weicht die Autorin leider aus. Siehe Textauszug oben. Da wird Konfliktpotential unnötig und außerordentlich großzügig verschenkt. Schade.

Normalerweise steigert man in einem Roman die Spannung dadurch, dass die Protagonistin immer größere Hindernisse zu überwinden hat. Ein Mittel wäre der Gegensatz zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen und ihrem Zweitleben gewesen. Man hätte alles auf einen mächtigen Skandal zuspitzen können, der Gefahr, dass alles ans Licht kommt. Leider wählte Elizabeth May nur den Weg, Aileana gegen eine stets größer werdende Anzahl böser Wesen kämpfen zu lassen.

Das ist zu billig, zeugt von mangelnder Fantasie.

Ein Mini-Skandälchen löst die Autorin genauso einfach wie die Sache mit dem zerfetzten Ballkleid. Der Verursacher kennt auch das Geheimnis der bösen Feen und macht Aileanas Vater ein Heiratsangebot. So wird ein potentiell großer Konflikt (Sich mit einem ahnungslosen Verlobten abgeben müssen vs weiter gegen die Bösen kämpfen) verschenkt. Der Verlobte ist auf Aileanas Seite und hilft ihr immer aus der Patsche, bzw. hält den Rücken frei.

Gähn.

Als die unverwüstbare Aileana ganz am Ende fast alleine den Kampf gegen ein Feenheer antritt, war ich versucht, das Buch zur Seite zu legen. Erst schildert die Autorin die gefangenen Feen als mächtig und hoch gefährlich, dann murkst Aileana sie problemloser ab, als ein echtes Mädchen Fliegen mit einem Handtuch totschlagen kann. Ich hielt durch, weil mich das Ende des Romans interessierte. Ich habe es bereut.

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Bildquelle

  • May_Feenjägerin: amazon.de

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