Anfänger oder Profi?

Anfänger oder Profi? Kann man das einem Text „ansehen“? Ja, man kann. Ich liefere Ihnen zwei Texte. Lesen Sie diese durch und überlegen Sie sorgfältig. Beide Texte stammen von Krimis. Krimis beinhalten Spannung von der ersten Seite an, ungelöste Rätsel und böse Mächte im Hintergrund. Welcher Text weckt die richtigen Erwartungen für dieses Genre?

Text 1:

Ein Geräusch weckt A aus ihrem traumlosen Schlaf. Ihr erster Blick fällt auf den Wecker auf ihrem Schreibtisch. Nein, zu früh! Das kann er noch nicht gewesen sein. Aber immerhin fünf Stunden ist sie abgetaucht in einen ohnmachtsähnlichen Zustand, zu dem ihr diese wunderbaren neuen Tabletten jeden Abend verhelfen. Manchmal gelingt es ihr sogar, geborgen in seinen Armen noch einmal wegzugleiten, nachdem sie sich am Morgen geliebt haben. Noch eine halbe Stunde Schlaf und Vergessen! Dann schafft sie es am Vormittag, für ein paar Stunden einen klaren Kopf zu behalten.

An so einem Morgen hat sie auch ihren Chef überreden können, sie wieder arbeiten zu lassen. Und eine Woche später dann noch ihren Psychologen. Mit jeder Faser sehnt sie sich zurück nach ihrem normalen Leben. Anspannung, Stress, Alltag. Wenn sie es nicht schafft, die Kraft aufzubringen, dorthin zurückzukehren, dann hat dieses Monster doch noch gewonnen. Es würde sie niemals aus seinen Klauen lassen.

Und gleichzeitig fürchtet sie nichts mehr, als wieder neuen Monstern gegenüberzustehen. Sich Gefahren aussetzen zu müssen, die sie in ihrem Beruf nicht immer kontrollieren kann.

Heute ist der Tag. Es wird von Neuem beginnen. Irgendwo wartet schon der nächste Mörder darauf, von ihr überführt zu werden. Irgendwo ein weiteres unschuldiges Opfer!

Die düsteren Gedanken treiben A. aus dem Bett. Das frische, kalte Wasser in ihrem Gesicht nimmt ihr den Atem, aber es verscheucht auch die Gespenster. Langsam cremt sie ihren Körper mit einer wunderbar duftenden Lotion ein, die ihre Freundin ihr nach der langen Zeit im Krankenhaus geschenkt hat. Ein Tropfen Parfüm zwischen die Brüste und ein weiterer in den Bauchnabel. Dann streift sie das Seidennachthemd wieder über.

Gleich! Gleich würde er da sein! Seine Schicht endet gegen 06:00 Uhr und vom Krankenhaus sind es höchstens zehn Minuten mit dem Rad. A legt sich wieder ins Bett und lauscht. So früh sind nur wenige Autos auf der Straße, besonders auf der O-Straße, die direkt zur Uni führt.

Wenn sie ihn nicht getroffen hätte. Sie kann sich nicht vorstellen, was aus ihr geworden wäre, ob sie es alleine hätte schaffen können. Da! Ein Bremsen! So früh am Morgen stört es auch noch keinen, wenn er wie ein Wahnsinniger über die Bürgersteige fährt. Um bei ihr zu sein!

Sein Fahrradschloss am Zaun! Dann der Schlüssel in der Haustür! Es ist jeden Morgen das gleiche Ritual, wenn er nach einer Nachtwache zu ihr kommt. Sie dreht ihr Gesicht zur Zimmertür. Da ist er auch schon in der Wohnung. Als er zu ihr ins Zimmer tritt, ist er bereits vollkommen nackt. Er gleitet unter ihre Decke, dreht sie sanft auf den Rücken und dringt sofort in sie ein. Sein Geruch nach Zitrone und Schweiß direkt über ihr betäubt sie von Neuem. Während sie sich bereitwillig seinen Stößen entgegenstreckt, verschmelzen sie zu einer Einheit. Seine starken Hände umfassen ihre Handgelenke wie ein Schraubstock. Die Decke gleitet zu Boden, als er sich aufbäumt. Dann Stille! Schweiß läuft aus seinem Nacken über ihren Körper. Sein Atem geht schwer an ihrem Ohr. Eine Stille, in der sie ihre Verschmelzung weiter vertiefen, sich gegenseitig atmen und schmecken, Körper an Körper. Eng umschlungen, ohne zu wissen, wo der eine aufhört und der andere beginnt.

„Heute mach ich dir Frühstück! Geh du in Ruhe duschen!“ So schnell wie er bei ihr im Zimmer war, ist er jetzt in der Küche und macht sich dort zu schaffen. Aus dem Radio hört sie leise Musik, während sie sich noch einmal auf die Seite dreht. (574 Worte)

Text 2

Mein Herz beginnt zu rasen, als ich in den Rückspiegel blicke. Meine braunen Augen waren weit aufgerissen. Ich wirkte vollkommen verängstigt … und das war ich auch.

Ich atmete tief durch, schnappte mir die Handtasche und öffnete die Tür des Honda, um auszusteigen. Als ich sie wieder zudrücke, glitt kalte Luft unter meinen dünnen Pulli. Ich atmete tief durch. Um mich herum roch es nach frisch gemähtem Gras.

Ich trat einen Schritt auf die Pension zu, in der ich aufgewachsen war, die ich jedoch seit Jahren nicht mehr besucht hatte.  […]

Mein Mund wurde trocken. Eine Gänsehaut glitt über meine Arme und sorgte dafür, das sich die dünnen blonden Haare in meinem Nacken aufstellten. Ein schreckliches surreales Gefühl ergriff von mir Besitz und mein Atem stockte.

Das Gefühl glitt wie eine schlüpfrige und etwas zu grobe Liebkosung über meine Wirbelsäule nach unten. Mein Nacken brannte, wie er es immer getan hatte, wenn ER hinter mir saß…

(156 Worte)

Besprechung:

Stellen Sie sich vor, auf zwei Fernsehsendern läuft ein Krimi und Sie haben noch keine Entscheidung getroffen, welchen Sie ansehen wollen. Im ersten Krimi sehen Sie eine Frau, die frühs aufwacht, in die Dusche geht, sich eincremt und dann wieder ins Bett legt und auf ihren Liebsten wartet.

Fühlen Sie so etwas wie Spannung? Ich jedenfalls nicht.

Sie zappen ins nächste Programm. Dort sehen Sie eine Frau, die sichtlich nervös ihr Auto parkt und mit ängstlichem Gesichtsausdruck aussteigt.

Spannung? Aber klar!

Welcher Text stammt von einer Anfängerin, welcher von einer Profi-Autorin?

Text 2 schrieb die Autorin Jennifer Armentrout. Text 1 stammt von einer Amateurin, die einen Zuschussverlag dafür bezahlte, dass er das Werk druckt.

Der Stil von Text 1 ist ein klassisches Amateurwerk. Er beginnt mit der amateurhaften und restlos ausgelutschten Aufwachszene. Die Hauptfigur wacht am Morgen auf, sinniert über ihr Leben und startet mit dem üblichen Tagesprogramm wie Duschen, sonstige Körperpflege usw. Ein kleines Einsprengsel ist der Sex mit dem Partner, doch dessen plumpe Beschreibung reißt niemanden vom Hocker. Weiter geht es mit dem Frühstück und der zweiten Dusche.

Zwischenfrage: Das Buch soll ein Krimi sein, oder? Wie wäre es dann mit Spannung von der ersten Zeile an?

Jennifer Armentrout, ganz der Profi, liefert ein entsprechendes Werk ab. Ihre Figur kommt bei der Pension ihrer Eltern an, doch der Leser merkt gleich, dass es kein normaler Besuch ist. Der Besuch weckt Ängste, die offenbar in der Vergangenheit liegen. Ein Unbekannter, hier nur ER genannt, ist dafür verantwortlich.

Der Leser erhält also gleich ein Rätsel präsentiert. Wer ist dieser ER? Was hat ER der Protagonistin getan, dass der Anblick ihres Elternhauses sie so in Panik versetzt?

Was wecken solche Fragen? Die Lust zum Weiterlesen! Ein Profi wie Frau Armentrout kennt die Anforderungen des Genre Krimi und setzt sie auch um. Sie wirft ihre Protagonistin gleich in eine schlimme Situation und liefert die Erklärungen zum Wieso und Weshalb später. Wer den Krimi liest, wird feststellen, dass die Backstory der Hauptfigur in kleinen Häppchen über die Handlung verteilt wird. Im Vordergrund steht jedoch die Spannung, die sukzessive im Lauf des Buches ansteigt.

Anfänger hingegen lassen ihre Hauptfigur aus dem Schlaf aufwachen oder sonstige langweilige und unerhebliche Alltagshandlungen durchführen. Spannung sucht man vergebens. Die Leseprobe geht in diesem Stil weiter. Die Protagonistin ist im Büro, redet mit ihren Kollegen und schmiedet Zukunftspläne. Zwischendurch erfolgt der Versuch eines Spannungsaufbaus durch eine Szene zwischen zukünftigem Mordopfer und Mörder, ohne dass dem Leser diese Rollenverteilung bewusst wird. Ich kam erst durch Lesen des Klappentextes darauf. So erscheint auch der Auftritt des Mörders als langweiliges Intermezzo eines bereits vor Langeweile triefenden angeblichen Krimis, der auf der ersten Seite Duschen und Körperpflege hervorhebt. Duschen und Körperpflege sind schließlich elementarer Bestandteil eines Krimi, dürfen selbstverständlich nie fehlen und steigern die Gänsehaut des Lesers enorm.

Es hat seinen Grund, wieso dieser „Krimi“ nur bei einem Zuschussverlag erschien. Ein normaler Verlag lebt von verkauften Büchern und nichts spricht für einen großen Absatz dieses Werks. Da die Autorin den Zuschussverlag bezahlte, braucht dieser auch keine Käufer und druckte deshalb das Buch.


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