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Die perfekte Szene schreiben

Nun, zuerst eine Begriffsdefinition. Perfektion liegt immer im Auge des Betrachters, in diesem Falle des Lesers. Was ich unter Rückgriff auf die Ideen von Dwight V. Swain zeigen kann, ist die perfekte Struktur einer Szene. Eine Struktur, die den Leser überzeugt. Wie bereits in einem früheren Beitrag dargestellt, empfehle ich das Buch von Swain. Die nachfolgenden Erklärungen sind nur ein kleiner Bruchteil seiner Ideen. Wer Swain nicht gelesen hat, verpasst also viel.

Swain unterscheidet zwischen der Makro- und der Mikrostruktur eines Romans. Nachfolgend beschäftige ich mich mit der Makrostruktur, den Szenen. Eine Szene ist grundsätzlich ein abgeschlossener Handlungsrahmen. In seinem Ratgeber unterteilt Swain ihn in Szene und Sequel. Das ist für den ersten Moment vielleicht verwirrend, aber ich denke, dass ich Licht hinein bringen kann.

Swain unterteilt eine Szene in 3 Elemente, die in genau dieser Reihenfolge auftreten:

  1. Ziel
  2. Konflikt
  3. Desaster

Ziel: Zu Beginn der Szene hat die Hauptfigur (HF) ein Ziel, das sie am Ende der Szene erreichen will. Das ist besonders wichtig, da ein Ziel zu haben bedeutet, aktiv werden zu müssen. Die HF darf sich nie treiben lassen, darauf warten, dass irgendeine Intervention von „oben“ kommt, das Schicksal eine Entscheidung trifft, etc. Nein, man muss selbst aktiv werden! Passive Romanfiguren sind langweilig. Der Leser fiebert mit denen, die etwas erreichen wollen.

KonfliktDas Hauptelement der Spannung. Die HF muss Hindernisse überwinden. Swain beschreibt es anschaulich als einen Kampf zwischen Boxern. Jeder will den Kampf gewinnen, aber nur einer kann Sieger sein. Weniger martialische Beispiele für Ziele sind: die Gunst einer hübschen Frau zu gewinnen, beim Chef um eine Gehaltserhöhung zu bitten etc. Konflikte in diesen Beispielen wären das momentane Desinteresse der Frau, ein Chef, der über die bisher schon hohen Personalkosten jammert usw. Dem Ziel der HF stehen also Hindernisse gegenüber. Wichtig: Die Hindernisse beziehen sich auf das Ziel. Es ist unsinnig, einen Stau auf der Autobahn als Hindernis zu beschreiben, wenn die Konferenz mit dem Chef, die Verabredung mit der hübschen Frau erst am Folgetag stattfindet. Dann ist der Stau längst überwunden und ob die HF nun zwei oder drei Stunden festsaß für das Ziel ohne negative Folgen. Also: keine Spannung! Konflikte sind das Salz in der Suppe des Romans.

Desaster: Würde die hübsche Frau sofort ein jauchzendes „Ja!“ rufen, der Chef der Gehaltserhöhung mit einem verständnisvollen Kopfnicken zustimmen, wäre die HF glücklich – aber der Leser gelangweilt. Also darf die HF das Ziel nicht erreichen – niemals – wir haben ein Desaster! Dieses beendet die Szene.

Nun kommen wir zu dem Teil, den Swain als Sequel bezeichnet. Auch dieses hat genau drei Elemente, die in genau dieser Reihenfolge auftreten müssen:

  1. Reaktion
  2. Dilemma
  3. Entscheidung

Reaktion: Hier kommen die Emotionen ins Spiel. Das Desaster muss verarbeitet werden. Die HF sitzt auf einer Parkbank und ist emotional am Boden. Die hübsche Frau ziert sich, der Chef lehnt die Gehaltserhöhung rundweg ab. Nun gilt es, die Wunden zu lecken, erst einmal alles geistig setzen zu lassen, die Dinge mental zu ordnen. Hier kann der Autor seine Kunst zeigen, die HF dem Leser sympathisch werden zu lassen. Man muss mitfühlen mit dem armen Mensch auf der Parkbank. Die Sonne mag scheinen, fröhliche Kinder laufen im Park herum, doch die HF sieht sie nicht. Alles ist grau, alles ist schlecht. Warum ist man am Morgen überhaupt aus dem Bett gestiegen?

Dilemma: Grundsätzlich ist es die Auswahl zwischen zwei gleich schlechten Möglichkeiten. Die HF darf auf gar keinen Fall das Smartphone zücken und sagen: „Da gibt es doch noch die hübsche Rothaarige, die mir vor einer Woche ihre Nummer gab.“ Oder „Dann nehme ich das gut bezahlte Angebot der Firma XY an.“ Nein, das lässt die Spannung aus dem Roman wie Luft aus dem Reifen. Die HF kann dem Problem nicht entweichen, darf es nicht! Dilemmas wären in den beiden Beispielen: Weiter der hübschen Frau nachlaufen, auch auf die Gefahr hin sich lächerlich zu machen bzw. das Thema Gehaltserhöhung weiter verfolgen, auch auf die Gefahr hin, beim Chef in Ungnade zu fallen. Einfach alles auf sich beruhen zu lassen: „Dann bleibe ich eben Single“, „Dann akzeptiere ich mein jetziges Gehalt“, ist keine Option! Damit entweicht die Spannung.

Entscheidung: Nachdem das Dilemma vollständig durchdacht wurde, trifft die HF eine Entscheidung. Die seiner Ansicht nach weniger schlechte von zwei schlechten Wahlmöglichkeiten wird gewählt. Das bedeutet: Die HF hat ein neues Ziel! Sie will das Ziel durchsetzen! Bühne auf für die nächste Szene, die startet mit Ziel, sich weiterentwickelt zum Konflikt und in einem Desaster endet.

Zu mechanisch? Wie soll das in der Praxis funktionieren? Nun, exerzieren wir das System durch und entwerfen wir nach der Methode von Swain eine Handlung: Wir schreiben die perfekte Szene.

Unsere HF heiß Jeff. Er arbeitet in einer Firma, in der er ein hübsches Mädchen sieht, mit lockigen kastanienbraunen Haaren und stahlblauen Augen – Samantha. Das Ziel von Jeff: Die Gunst von Samantha gewinnen. (Globalziel, Rahmenhandlung) Unterziel: Ihre private Telefonnummer erhalten. Konflikt: Sie arbeitet in einer anderen Abteilung in einem anderen Gebäude. Trotz der vielen Arbeitsaufträge seines Chefs schafft Jeff es, mit Ausreden, dort ab und zu aufzutauchen. Er verwickelt Samantha in ein Gespräch, übergibt ihr am Ende einen Zettel mit seiner Telefonnummer und Emailadresse. Samantha steckt es ein, Jeff ist überglücklich.

Ziel erreicht? Nein, das wäre für die Handlung tödlich. Also lassen wir – als unendlich gemeiner Autor, ich weiß – Samantha sich nie melden. Desaster: Jeff sieht seine Träume platzen wie Seifenblasen. Sie hat doch den Zettel eingesteckt! Warum ruft sie nicht an? Spielt sie nur Spielchen? Wollte sie aus reiner Höflichkeit nicht sofort negativ antworten? Mag sie ihn nicht?

Reaktion: Jeff gönnt sich in der Kneipe ein paar Biere. Seine Laune ist auf einem Tiefpunkt, die Biere schmecken schal, die Typen in der Kneipe gehen ihm auf den Keks. Er streift ziellos durch die Nacht, überdenkt alles. Soll er Samantha einfach sausen lassen? Gute Idee, aber sie ist doch so hübsch. Andererseits, wenn er weiter bei ihr auftaucht, wird sich man in der Firma noch über ihn kaputtlachen. Samantha könnte ihn wegen Belästigung anschwärzen. Jeff trifft die Entscheidung, weiter um Samantha zu werben, ohne Rücksicht auf Folgen. Gleich am nächsten Tag will er ein Gespräch mit ihr. (Neues Ziel)

Bei Arbeitsbeginn ruft ihn der Chef zu sich, stellt seine Nichte Debby als neue Praktikantin vor. Jeff soll sie in die Arbeit gründlich einweisen. Konflikt, denn woher soll er jetzt die Zeit nehmen, um sich zu Samantha in die andere Abteilung zu schleichen? Mehrere Versuche scheitern, am Ende des Tages schafft Jeff es zumindest, mit einem Kollegen aus Samanthas Abteilung zu reden. Er erfährt, dass Samantha schon morgen zur Vorbereitung einer Messe nach San Francisco fliegt. In zwei Wochen ist sie wieder zurück. Desaster: Zwei Wochen keine Kontaktmöglichkeiten! Reaktion: Jeff sitzt apathisch an seinem Schreibtisch. Dilemma: Was soll er jetzt tun? Das Team zur Messevorbereitung könnte auch ein Mitglied aus seiner Abteilung gebrauchen. Entscheidung: Mit dem Chef darüber reden, sich selbst ins Gespräch bringen. (neues Ziel)

Chef zeigt sich den Argumenten von Jeff aufgeschlossen, sagt zu, ihn nach San Francisco fliegen zu lassen. Konflikt: Debby muss mit, das wäre für sie eine Erweiterung ihres Wissens. Desaster: Mit Debby hätte er einen Klotz am Bein. Reaktion: Entsetzen, Diskutieren mit dem Chef. Dilemma: Chef sieht es als Vorbedingung für den Flug, dass Debby dabei ist. Entweder Flug mit Debby oder gar keiner. Entscheidung: Notgedrungen zustimmen.

Neues Ziel: Debby so mit Aufgaben zudecken, dass für Jeff Zeit bleibt, unauffällig den Kontakt zu Samantha zu suchen. Konflikt: In San Francisco arbeitet Debby nicht nur unglaublich schnell, sondern zeigt sich anhänglich wie eine Klette. Sie fragt Jeff Löcher in den Bauch und will dauernd bei ihm sein, um möglichst viel zu lernen. Desaster: Keine Möglichkeit, um auch nur kurz alleine mit Samantha reden zu können.

Brechen wir hier ab. Im obigen Beispiel bekam Jeff immer neue Hindernisse auf den Weg, die ihn an seinem Ziel, mit Samantha einen tieferen Kontakt zu haben, knapp scheitern lassen. Kaum ist ein Hindernis geräumt, taucht schon das nächste auf, schwerer als das erste. Wie ein Verdurstender in der Wüste sieht Jeff einen rettenden Brunnen, der sich beim Näherkommen als Fata Morgana entpuppt. Erneut muss er weitermachen, der Marsch ist nicht am Ende. Einen tieferen Einblick in die Methode von Szene und Sequel gibt Dwight V. Swain. Mit diesen Tipps ist es leicht, die perfekte Szene zu schreiben.

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  • Prunkvoller Polsterstuhl auf Show Bühne Gunnar Asmy: Gunnar Asmy Fotolia.de

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