Mary Sue – Die Frau für den Mülleimer

In dem heutigen Beitrag geht es um einen Charakter, der meistens in den sogenannten Fan-Fictions auftaucht. Die Figur ist zumeist weiblich, hat als Schöpferin eine Autorin und heißt Mary Sue. Es gibt aber auch einen männlichen Pedant, der Harry Stu genannt wird. Was hat es mit diesen Charakteren auf sich?

Sie sind bei Kritikern einerseits verhasst und andererseits Ziel von beinahe grenzenlosem Spott. Wer genau ist nun diese ominöse Mary Sue? Sie erblickte erstmals 1974 das Licht der Welt in einer Kurzgeschichte der Autorin Paula Smith. Die Geschichte spielt im Star Trek Universum, das damals nur aus Raumschiff Enterprise, Captain Kirk, Mr. Spock, Ingenieur Scotty und dem Arzt Dr. McCoy bestand. In der Story erscheint die Halbvulkanierin Lieutenant Mary Sue. Sie ist Kirk, Spock und Dr. McCoy in jeder Hinsicht überlegen. Sie rettet allen dreien das Leben und stirbt schließlich unter tragischen Umständen. Das Gespött über diese Figur führte dazu, dass alle derartigen Personen seitdem als Mary Sue oder Harry Stu bezeichnet werden.

Die heute typische ‚Mary Sue’ ist in der Regel weiblich, sehr jung (meist deutlich unter zwanzig Jahre), außergewöhnlich schön und verfügt über herausragende Eigenschaften (seien es Kampftechniken, telepathische Fähigkeiten, gigantisches Wissen und natürlich eine tolle Ausstrahlung) und wird von den anderen Romanfiguren sehr geschätzt oder geliebt. Oft geht sie eine Liebesbeziehung ein. Sollte Mary Sue sterben, zieht das eine riesige Trauer nach sich. Die Taten der Mary Sue sind häufig unlogisch, der Story mangelt es an tatsächlicher Handlung. Zumeist konzentriert sie sich allein auf Mary Sue.

Folgende Eigenschaften zeichnet eine Mary Sue typischerweise aus:

1) Eine Romanfigur, die – zumindest teilweise – Züge des Autors/der Autorin besitzt

2) Eine Figur ohne erkennbare Fehler (höchstens solche, die andere Romanfiguren süß finden)

3) Eine Figur, auf die jeder im Roman reagiert, als wäre sie wunderhübsch und wunderbar, ausgenommen solche Romanfiguren, die klar böse oder neidisch sind.

4) Eine Figur, in die sich während des Verlaufs der Handlung, jedes Mitglied des anderen Geschlechtes verliebt bzw. sie bewundert.

5) Eine Figur, die während der Handlung nicht signifikant über sich hinaus wächst, sich irgendwie ändert oder eine Entwicklung durchmacht.

6) Trotz ihrer Jugend hat Mary Sue eine gesellschaftliche/berufliche Position, die normale Menschen erst bei der Pensionierung erreichen. Sie hat – von Geburt an? – tolle Fähigkeiten/Fachwissen, die allen anderen überlegen sind. Deswegen braucht sie auch nie etwas zu lernen.

Wie sieht eine typische Story aus, bei der eine Mary Sue mitspielt? Denken wir einmal an einen Krimi.

Kommissarin Alexandra Siobhan Diana McIntyre (25 Jahre alt) betritt den Tatort (sie hat selten einen normalen Namen, wie Marta Smith) und erntet Lob über ihre tolle Frisur und/oder ihre Klamotten (obwohl man im öffentlichen Dienst wenig verdient, kann die Kommissarin sich Designerkleider leisten). (Fortan wird die Kommissarin Mary Sue genannt) Anhand der Verletzungen der Leiche erkennt Mary Sue, dass der Täter ein einschneidiges Messer benutzte und genau 188 cm groß und männlich ist. (Sie erkennt das, weil man das auf den ersten Blick sieht, oder so) Ihr Vorgesetzter Max, jung und gut aussehend, ist in sie verliebt. Hinweise führen die Ermittlerin in eine Rockerkneipe. Sie kann aufgrund ihrer Kenntnisse in Karate und Taekwondo (die sie seit dem Kindergarten trainiert hat) alle flach legen, als die Rocker sie einsperren wollen. Das beeindruckt den Anführer der Rocker so, dass er entscheidende Hinweise gibt. Im Labor der Polizei fachsimpelt Mary Sue mit den dortigen Spezialisten und weist sie auf Fehler in ihren Analysen hin (sie hat das Unistudium mit Bestnoten in Chemie und Biologie abgeschlossen). So erhält sie den finalen Hinweis, der zur Verhaftung des Mörders führt. Die Presse feiert Mary Sue und sie erhält vom Innenminister eine Auszeichnung. (Oder aber sie stirbt im Kampf mit dem Bösewicht und hinterlässt eine tieftraurige Gemeinde. Jeder bei der Polizei fragt sich, wie man ohne Mary Sue dem Verbrechen zukünftig Einhalt gebieten kann)

Warum wird Mary Sue von Kritikern gehasst?

Nun, sie ist absolut perfekt. Wer mag solche Leute? Ich jedenfalls nicht. Mary Sues werden zumeist als Spiegelbild der Autorin bezeichnet. Sie ist das, was die Autorin gerne wäre: Geheimnisvoll, toll aussehend, mit einer guten Biografie und einem hohen gesellschaftlichen Ansehen.

Wie vermeidet man eine Mary Sue?

Ganz einfach: ausgewogene Charakterplanung. Niemand ist siebzehn Jahre alt, hat das Wissen von Albert Einstein, die Kampftechnik von Rambo, die Schönheit eines Supermodels und kann auf eine exklusive Abstammung zurückblicken. Auch gibt es niemanden, der stets von seiner Umgebung nur positiv gesehen wird, Zustimmung findet und andere beeindruckt. Man wird vielmehr gehasst, für blöd gehalten oder ist das Ziel von Lästerei. Man darf eine Romanfigur mit einem starken Willen ausstatten, doch meistens ecken solche Personen an. Wer viel Fachwissen besitzt, weckt damit auch Neid, Eifersucht. Ein Roman ohne Konflikte ist langweilig, eine Hauptfigur ohne Ecken und Kanten ebenfalls. Auch wollen Leser keine Figur, die in allem (ausgenommen Kleinigkeiten) perfekt ist. Im obigen Beispiel der Kommissarin stellt sich die Frage, wie man mit 25 Lebensjahren sowohl die Uni schon abgeschlossen und gleichzeitig bereits den Posten einer Kommissarin erreicht haben kann. Rein logisch passt das nicht zusammen. Solche „Supertalente“ würden im realen Leben auf Neider im Establishment treffen, nicht auf anhimmelnde Bewunderer.

Deswegen gibt es nur eine Möglichkeit für eine Autorin/einen Autor: Romanfiguren mit Ecken und Kanten erschaffen, die mindestens so viele Fehler wie Talente besitzen. Man braucht eine Alltagsfigur, der man an jeder Straßenecke begegnen kann. Auch darf man nie die Recherche vernachlässigen. Hat man sich auf das Alter seiner Romanfigur festgelegt, muss man sich kritisch fragen, welche Position man in dem Alter realistisch gesehen höchstens haben kann. Entscheidet man sich für eine Position, welche die Figur haben soll, muss man sich kritisch fragen, welches Lebensalter sich daraus ergibt. Ganz einfach.

 

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