Wie man NICHT schreibt- der Anti-Schreibratgeber

Ein Buch darüber, wie man keinen Roman schreibt, eine Art Anti-Schreibratgeber? Kann das funktionieren? Diese Frage stellte ich mir, als ich “How NOT to Write a Novel: 200 Mistakes to avoid at All Costs if You Ever Want to Get Published” der Autoren Howard Mittelmark und Sandra Newman in die Hände bekam. Lesen Sie meine Überlegungen dazu.

Um die Zielgruppe vorwegzunehmen: Das Buch ist geeignet für Anfänger, weniger für Fortgeschrittene. Die von den Autoren genannten Fehler sind – geschildert in einem unnachahmlichen Humor – teils haarsträubend für diejenigen, die sich mit der Materie bereits intensiver beschäftigt bzw. schon einige Schreibratgeber gelesen haben. Nichtsdestotrotz laufen einem die Fehler häufig über den Weg, besonders in den bei Bezahlverlagen veröffentlichten „Werken“. Das Buch beginnt mit den gröbsten Fehlern, die vorkommen können und wird zum Ende hin feinstrukturierter.

Folgende Bereiche werden u.a. behandelt:

  1. Plot
  2. Romanfiguren
  3. Stil (Basics, Dialoge, Sätze, Erzählperspektive)
  4. Die Welt schlecht geschriebener Romane

Den Humor der Autoren liebt oder hasst man. Ich weiß nicht, ob es einen Mittelweg gibt. Es liest sich meiner Ansicht nach leichter, wenn Ratschläge weniger trocken daherkommen. Natürlich nutzen die Autoren auch – z.T. drastische – Übertreibungen, um die Fehler zu verdeutlichen.

Ich liefere ein paar (gekürzte und deshalb teilweise sehr frei übersetzte) Auszüge.

Der Plotaufbau

Ein Roman sollte erstens ein Thema behandeln, das viele Menschen interessiert. Damit sind nicht Lebenspartner, Verwandte usw. gemeint. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dem angehenden Autor/Autorin ein ehrliches Feedback abgeben: „Sorry, aber das ist schlecht“, tendiert gegen Null.

Zweitens sollte der Protagonist/ die Protagonistin mit einem schweren Problem konfrontiert werden. Eines, mit dem man ca. 300 Seiten füllen kann. Mittelmark und Newman prangern eine falsche Problemwahl humoristisch unter dem Titel „Die verlorene Socke“ an:

„Trottel, absolut und vollständig!“, sagte Thomas Abrams kopfschüttelnd unter dem besorgten Blick von Len Stewart. Er kroch unter den Drainageleitungen hervor. Lens Mund wurde trocken, er unterdrückte das Händezittern nur mühsam.

„W-was ist falsch?“

„Alles!“

Len schluckte. Kam nun das Todesurteil, der finale Schlag? Abrams kritzelte etwas in seinen Notizblock. Len wagte es nicht, Fragen zu stellen. Schließlich klappte Abrams den Block zu.

„Immer der gleiche Bockmist. Wann lernen Idioten wie Sie es endlich, dass man eine B-104 Mutter nicht auf eine B-110 Schraube aufziehen soll?“

Len fühlte das Blut aus seinen Wangen weichen. Mein Gott! Was hatte er getan?

Ein ähnlich oft vorkommender Fehler ist eine Handlung, die keine Fahrt aufnimmt. Mittelmark und Newman nennen es „Das Wartezimmer“.

Reggie nahm in dem Zug an der Montark-Bahnstation Platz. Leider fand er nur einen freien Sitz neben dem Speisewagen, der strenge Geruch nach Cheeseburger störte. Reggie dachte über sein Leben nach. Er wollte schon immer seltene Krankheiten erforschen, kam auf Umwegen zum Arztstudium. Dieser elende Gestank der Cheeseburger, es erinnerte ihn an den Anblick von Blut, den er immer noch nicht ertragen konnte. Eine Bürde für einen Mediziner. Was konnte man nur dagegen tun?

Der Zug fuhr an, die Gebäude von Montark zogen am Wagenfenster vorbei. Reggie fühlte …

(5 Seiten später)

Die letzten Häuser von Montark wirkten winzig in dieser mit saftigem Gras übersäten Landschaft. Reggie dachte an Onkel John. Ohne dessen idiotischen Ratschlag hätte er Biologie studiert, das Leben wäre viel einfacher. Aber John erzählte damals von seinen Problemen an der Universität …

(6 Seiten später)

Die Silhouette von Montark verschwand in der Ecke des Wagenfensters. Reggie hielt es für ein Zeichen. So wie die Stadt verschwanden auch seine Chancen auf ein anderes Leben. Er hätte wirklich nicht Medizin studieren sollen. Gleich im ersten Semester gab es den Vorfall …

Sie glauben nicht, dass jemand es wagt, die ersten zehn bis zwanzig Romanseiten mit sinnlosem Bla Bla zu füllen? Das gibt es leider. Ich las vor ein paar Wochen die Leseprobe eines SciFi-Romans (ok, war von einem Zuschussverlag). Der Autor schilderte erst die physikalischen Eigenschaften des Planeten, auf dem die Handlung spielt. Dann kam die Fauna an die Reihe und wie die Pflanzen die Photosynthese schaffen, trotz eines anderen Lichtspektrums. Danach folgte die Geschichte der menschlichen Besiedelung. Das war die ganze Leseprobe. Einschläfernd, so wie die Zugabfahrt von Montark. Newman und Mittelmark verwenden also real auftretende Fehler.

Die Lösung von Problemen, welche die Hauptfigur(en) im Roman bedrohen.

Spannung entsteht dadurch, dass die handelnden Personen einer Bedrohung ausgesetzt sind und der Leser sich fragt, wie sie da wieder herauskommen. Oft wird es leider mit der Methode „Kaninchen aus dem Hut“ gelöst:

Das Wasser stieg immer höher. Jack wusste sofort, dass die Hydraulik vollkommen versagt hatte. Es gab nur eine Lösung, um sein Leben und das seiner Freundin Cynthia zu retten. Er musste den überfluteten Korridor vollständig abtauchen und das Ventil öffnen. Am hintersten Ende, in völliger Dunkelheit.

Glücklicherweise erinnerte er sich an seine Zeit bei den Perlentauchern im Pazifik, als sie ihm beibrachten, wie man den Atem über volle fünfzehn Minuten anhalten konnte. Sie tauchten damals in dunklen Schiffswracks, nur zum Spaß. Dort lernte Jack, sich auf seinen Tastsinn zu verlassen.

Ein ähnlicher Fehler ist die „Probleme lösen sich mit links“ Methode:

Als das Wasser immer höher stieg, grinste Jack nur. Aufgrund seiner guten Kenntnisse der Hydraulik-Anlage wusste er die Lösung sofort. Einfach ein paar Minuten den überfluteten Korridor entlang tauchen, dann erreichte er seine Geliebte. Es tat gut zu wissen, dass Cynthia keiner echten Bedrohung ausgesetzt war. Er sog den Atem tief ein und schwamm los.

Prustend erreichte er das andere Ende. Cynthia stand mit ängstlicher Miene vor ihm.

„Mein Gott, Jack! Das Wasser steigt unaufhörlich. Was sollen wir bloß tun? Die Türen sind verschlossen, wir sitzen fest.“

Jack langte in die Hosentasche, fühlte den Schlüsselbund.

„Ich bringe uns hier wieder raus, Schatz.“

Charaktereigenschaften

Newman und Mittelmark werden ab ca. der Mitte ihres Buches feiner in der Fehleranalyse. In den USA sind typische Fehler anscheinend Beschreibungen von Romanfiguren, die sich an Filmstars orientieren.

Als er noch jung war, sagten die Leute immer, dass Mark aussieht wie George Clooney.

Melinda sah hübsch aus. Jack dachte an Halle Berry. Melinda könnte eine Doppelgängerin sein, nur ein wenig dunkler in der Hautfarbe.

In Deutschland häufiger vorkommen dürfte eher solche – nichtssagende – Beschreibungen:

Melinda hatte eine tolle Figur und einen hübschen Lockenkopf.

Joe war ein durchschnittlich großer Mann mit braunen Augen.

Alan trug ein weißes Shirt und eine blaue Jeans.

Oft findet man noch den „Blick in den Spiegel-Fehler.“

Mary gefiel, was sie im Spiegel sah. Ein Mädchen mit einer dünnen Figur und einem schönen Gesicht mit rosigen Wangen blickte ihr entgegen. Der Busen hatte die richtige Größe. Sie zog mit dem Kamm durch das schwarze, seidenglänzende Haar, das bis über die Schultern herabfiel. Zusammen mit einem süßen Schmollmund sollte es auf dem Ball kein Problem sein, die Jungs zu beeindrucken.

Newman und Mittelmark fassen das in folgender Aussage zusammen:

In den Spiegel blickend, erkannte Joe einen schlanken, braunhaarigen Mann, gefangen in einem schlecht geschriebenen Roman.

Was sieht man, wenn man in den Spiegel blickt? Das Ungewöhnliche. Die Schmiere vom Lippenstift, den man noch aus den Mundwinkeln entfernen muss, die schlecht sitzende Haarsträhne. Aber wer schaut in den Spiegel und denkt: Braune Augen im Kontrast zu rosigen Wangen?

Das Ausrufezeichen- und Großschreibe-Inferno:

Das war die Höhe! Jack gehörte anfangs zu den Männern, von denen sie dachte, dass sie NÜTZLICH seien! Aber er entpuppte sich leider als vollkommener IDIOT! Wieso hatte sie jemals gedacht, er sei der Mann ihrer Träume? TRAUMMANN! So ein Schwachsinn!

Mary nahm die Schlüssel. JETZT! SOFORT! Sie musste es ihm sagen!!!

Mittelmark und Newman haben für die Benutzung des Ausrufezeichens einen Tipp: Überlegen Sie zweimal, ob es dort stehen sollte. Falls Sie die Frage positiv beantworten, überlegen Sie dreimal. Falls Sie immer noch der Meinung sind, dass das Ausrufezeichen dort stehen sollte, überlegen Sie noch viel länger und löschen es anschließend.

Die anderen Dinge soll man SEHR SELTEN benutzen und manche niemals.

Die Kulisse

Ich hatte vor ein paar Wochen einen Roman aus einem Zuschussverlag besprochen, in dem es um die mangelhafte Beschreibung eines Weingutes ging. Ein ähnliches Beispiel findet sich bei Mittelmark und Newman.

Joe fühlte sich so anders. Er saß am Ende des Kliffs und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Alles war perfekt. Diesen Kontrast der Berge zum Himmel hatte er noch nie zuvor gesehen. Die Luft besaß genau die richtige Temperatur.

In der letzten Woche erst hatte er herausgefunden, dass Barrington Hewcott, der reichste Mann der Welt, sein Vater war. Der verlorene Sohn wurde natürlich gleich mit kostbaren Gaben beschenkt. Joe dachte an die Dinge, die Barrington dabei gesagt hatte. Was für einfühlsame Worte. Von nun an würde Joe in einer ganz anderen Welt leben, in einem großen Haus, mit einer Ausstattung, die er bisher nicht kannte.

Damit konnte er sicher ein hübsches Mädchen beeindrucken, eine, die genau seinem Typ entsprach. Joe stand auf, blickte noch einmal über die Landschaft. Was für eine herrliche Sicht.

Es ist natürlich schön, wenn man die Welt mit den Augen des Protagonisten sieht. So soll es auch sein. Nur braucht der Leser mehr als ein paar hingeworfene Brocken. Das Beispiel zeigt uns weder, wieso die Landschaft so schön ist, was der wiedergefundene Vater gesagt hat, noch welchen Mädchentyp Joe toll findet. Ach ja, die Ausstattung des Hauses ist natürlich so unklar wie die „kostbaren“ Geschenke. Leere Worte, nichts weiter.

Der „Recherche ist unwichtig“ Fehler in Historischen Romanen

„Wie schmeckt das Sandwich, Herr?“, fragte der Zenturio.

„Die Diener sollen die Bratkartoffeln servieren“, verlangte der Kreuzritter.

„Tomaten eignen sich gut als Salat“, erklärte Aristoteles den lauschenden Zuhörern.

Newman und Mittelmark stößt in Historischen Romanen oft auf, dass die Protagonisten politische oder soziale Ziele verfolgen (z.B. die Rolle der Frau in der Gesellschaft), die zwar wunderbar ins 21. Jahrhundert passen, aber z.B. im Mittelalter ein Fremdkörper sind.

Auch gibt es das Problem, dass Leute im Mittelalter reden wie Leute aus dem 21. Jahrhundert. „Was geht ab, Mann?“, „Fertigstellungstermin? Steht doch im Vertrag.“, „Ich werde das der Polizei melden.“ Typische Fälle von: „Recherche? Wozu braucht man das?“

Wen es interessiert, wie ein verhunzter „Historischer Roman“ aus dem alten Ägypten, ohne auch nur die kleinste Recherche, aussieht, dem empfehle ich diesen Beitrag bei Verreiss-mich.

Schön finde ich den Spruch: „Re-Cherche ist keine Tochter des Re“.

Der „Recherche ist unwichtig“ Fehler in zeitgenössischen Romanen

Der Physiker starrte angestrengt in das Mikroskop. Dieses Atom sah interessant aus.

Der Architekt bewunderte das Bauwerk. Gemauerte Kurven, alles aus Steinen, so wie diese Dinger in den alten Kirchen.

Die Gerichtsmedizinerin schnitt den Bauch des Toten auf. Klare Sache, krankes Gewebe, besonders das Herz.

Oft sind es Kleinigkeiten die offenbaren, dass der Autor/die Autorin unsauber oder leider auch überhaupt nicht recherchierte. Das führt die Autoren Mittelmark und Newman zu:

Der „seht wie gut ich recherchiert habe“ Fehler

Die Biologin betrachtete das grüne Gras. Es sah so unscheinbar aus. Kaum jemand wusste, dass 1024 Moleküle an CO2 jede Sekunde in Glucose und Sauerstoff umgewandelt wurden. Aber was war schon der Prozess der Photosynthese gegen den Verrat ihres Ehemannes. Sie hatte herausgefunden, dass er mit der Sekretärin in der Mittagspause jenen geschlechtlichen Akt vollzog, den kleine Algen vor Millionen von Jahren erstmals erfunden hatten.

Recherche ist nützlich, manchmal sterbenslangweilig und nicht alles lässt sich in einem Roman unterbringen. Mittelmark und Newman empfehlen, die Früchte dieser Arbeit nur in Passagen zu verwenden, die dafür geeignet sind. Kein Physiker wird in der Realität seinen Kaffee umrühren und dabei an die Formel denken, die eine optimale Molekülverteilung in der Tasse sicherstellt.

Fazit

Ich kann den Anti-Schreibratgeber von Howard Mittelmark und Sandra Newman empfehlen. Wenn auch der Anfänger am meisten von dem Werk profitiert, so kann der Fortgeschrittene zumindest dem Humor der zwei Autoren einiges abgewinnen. Alles in allem ist es eine vergnügliche Lektüre. Wer es nicht als Nachschlagewerk braucht, für den eignet es sich als Komödie für ein verregnetes Wochenende.

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Bildquelle

  • how_not_write_Novel: www.amazon.de

Ein Gedanke zu „Wie man NICHT schreibt- der Anti-Schreibratgeber“

  1. Geschenke für Konfirmanden
    Die Konfirmation ist ein besonderer Tag im Leben eines Jugendlichen. Längst steht nicht mehr nur der christliche Aspekt im Vordergrund, sondern auch die anschließende Feier mit Familie und Freunden. Wer noch nach einer Idee für ein Konfirmationsgeschenk sucht, der wird auf http://www.geschenkenetz.com ganz sicher fündig.
    Gute Geschenke für Lesefreunde
    Egal, ob die Überraschung für ein Familienmitglied sein soll oder ob es ein href=“http://www.geschenkenetz.com/thema/geschenk-fuer-besten-freund“>Geschenk für den besten Freund wird: Bücher sind immer eine gute Idee. Auch hier kann man ganz individuell auf den Beschenkten eingehen und das bevorzugte Genre auswählen: vom Jugendroman über die erste Liebe bis hin zum spannenden Krimi bietet der Buchmarkt genug Inspiration für Geschenke.

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