Übersicht wertvoller Schreibratgeber

In meinem Blog finden sich diverse Artikel über Schreibratgeber, die ich empfehlen kann. Ich fand es deshalb an der Zeit, diese in einer Artikelserie zusammenzufassen. Alle Ratgeber haben eine Gemeinsamkeit, die vielleicht vordergründig abschreckt: sie sind in englischer Sprache geschrieben. Allerdings bin ich der Meinung, dass man mit Schulenglisch problemlos in der Lage ist diese Bücher zu lesen und die darin enthaltenen Empfehlungen zu befolgen. Gibt es nicht auch deutsche Ratgeber? Durchaus. Ich bin nur nicht in der Lage, sie zu beurteilen, da ich noch keinen gelesen habe. Mit der folgenden Liste ist also keinesfalls die Erklärung verbunden, dass es keine guten deutschsprachigen Ratgeber gibt. Ich kann nur nichts über sie sagen, weshalb ich schweige.

Doch nun zu meinen Empfehlungen:

Wie man keinen Roman schreibt

How NOT to write a novel: 200 mistakes to avoid at all costs“

Dies ist für Anfänger das Standardwerk. Geschrieben von Sandra Newman und Howard Mittelmark, erfahrenen Lektoren, enthält es 200 absolute Anfängerfehler. Das Buch ist in einem amüsanten Ton geschrieben und schildert lustige Beispiele. Es kommt nicht mit einem erhobenen Zeigefinger daher, sondern schildert Anfängerfehler mit einer großen Prise Humor. Die Autoren schöpfen aus einem reichen Erfahrungsschatz ihrer täglichen Arbeit, das merkt der Leser sofort. Wer die geschilderten 200 Fehler zukünftig vermeidet, hat also schon mal im Wettbewerb mit anderen Nachwuchsautoren bessere Karten. Das eigene Werk wird zukünftig nicht bereits nach zwei Seiten vom zuständigen Verlagslektor aussortiert Richtung Mülleimer.

Mein persönliches Lieblingsbeispiel ist das des Reisenden, der in einen Zug steigt und eine Kleinstadt verlässt. Der Zug fährt an und der Reisende reflektiert seine bisherige – unglückliche – Lebensgeschichte. Wie er in die Kleinstadt gelangte, wie er zum Studium eines bestimmten Faches kam, welche Rolle Familienmitglieder spielten und bla, bla, bla. Wundervoll langweilig geschrieben und zeitlich so gestreckt, dass der Zug lediglich ein paar hundert Meter zurücklegt und der Leser gerade erst bei den Teenagerjahren der Romanfigur angekommen ist. Dazu kommen Verweise wie: „3 Seiten später“, die Schule ist beendet, das Leben irgendwie immer noch schlecht, aber da kommt ein Onkel mit einem Studienvorschlag und erzählt von seiner Studentenzeit. Nach dem Vermerk „4 Seiten später“ hat der Onkel seine Vergangenheit endlich fertig erzählt und es geht weiter „3 Seiten später“ mit der Vergangenheit der Romanfigur und seinen Studienerfahrungen.

Klassische voluminöse Backstory, mit voller Wucht an den Anfang des Romans gestellt  –  der Tod jeder Chance auf Veröffentlichung. Romane mit Backstory so überladen, dass sie kentern und im Meer der Chancenlosigkeit versinken, den Fehler begehen Anfänger dauernd.

Die Autoren Newman und Mittelmark pflegen einen subtilen Humor. Die meisten Protagonisten ihres Buches sind Beschäftigte einer Firma binge-hydraulics. Binge-drinking bezeichnet beispielsweise Komasaufen. Die Hydraulikfirma spielt also in der gleichen Liga. Ferner treten oft ein Doktor Albicans und seine Krankenschwester Candida auf. Candida Albicans ist die Bezeichnung eines Hefepilzes, der auch Menschen befällt und für Entzündungen sorgt. Ich kann nur vermuten, dass das Lesen mancher Anfängerwerke bei Newman und Mittelmark die gleiche Reaktion auslöste.

Lukeman First Five Pages

„The first five pages“ Noah Lukeman

Der Titel verrät das Programm. In beinahe allen Schreibratgebern wird betont, welche Rückschlüsse Lektoren aus den ersten Seiten eines vorliegenden Manuskripts ziehen. Häufiger Streitpunkt ist die Frage, ob sie nur die erste Seite lesen oder sich sogar bis zur fünften vortasten, bis sie ihr Urteil fällen. Eines ist jedoch gewiss: Mehr wie fünf Seiten werden nur gelesen, wenn das Manuskript bis dahin überzeugte. Ansonsten fällt spätestens nach der fünften Seite das häufigste Urteil: Mülleimer.

Lukeman schildert in seinem Schreibratgeber beispielsweise die „Adjektivitis“, den Fehler, die Handlung mit sinnlosen Adjektiven zu überladen:

„Der rostige, verbeulte Wagen schlitterte die löchrige, mit glitschigen Pflastersteinen übersäte Straße hinunter, verzweifelt bemüht, den vielen flatternden und irrlichternden Insekten auszuweichen, die, mit monoton klingendem Schmatzen, beim Aufprall auf die Windschutzscheibe schmierige Flecken hinterließen, deren Reinigung mit zitronig duftendem Wasser wieder so viel anstrengende Mühsal in dieser sonnendurchfluteten, schweißtreibenden Sommerhitze bedeuten würde.“

Okay, der Satz ist maximal übertrieben, aber bei Adjektiven gilt der Grundsatz: Je weniger, umso besser.

Ein weiterer häufiger Fehler ist das Verstecken von Backstory in Dialogen. Die handelnden Personen reden unnatürlich. Der Gesprächspartner ist nicht die andere Person, sondern der Leser:

John sah Mary im Restaurant und ging zu ihr.

„Hallo Mary“, sagte er zu ihr. „Ich weiß, dass du immer Dienstags hierher kommst und dich an diesen Tisch setzt, von dem man den Gehsteig überblicken kann.

„Das ist richtig, John“, erwiderte Mary. „Und ich weiß, dass du stets dieses lila Shirt trägst, das mit den roten Knöpfen und weißen Streifen.“

„Das ist richtig. Heute trage ich es, wie du siehst“, sagte John. „Darf ich mich setzen? Dein Freund Bill, mit dem du nun schon seit drei Jahren zusammen bist, wäre nicht sehr erfreut, wenn wir uns unterhalten.“

„Okay, John, setz dich“, antwortete Mary. „Aber sei vorsichtig. Dein Knie ist angeschlagen, seitdem du dich beim Squash-Spielen verletzt hast. Die Ärzte mussten es operieren und einige Sehnen nähen.“

„Danke, ich werde vorsichtig sein. Ich sehe, dass du Wein trinkst. Es ist ein Silvaner, also ein Weißwein. Das Glas ist nur noch ein Viertel voll, wie ich sehe?“

„Ja, das stimmt. Deine Frisur ist heute anders, ein kräftiger Seitenscheitel verschiebt die Masse des Haares nach links und du hast die Frisur mit Gel stabilisiert. Ist das ein goldener Verlobungsring an deinem Finger?“

„Korrekt. Du trägst heute eine rote Bluse, sie sieht schön aus.“

„Danke. Wie du weißt, hat meine Mutter sie mir zum Geburtstag gekauft, also vor genau drei Monaten.“

„Ja, ich war auf deiner Geburtstagsfeier. Sie dauerte bis weit nach Mitternacht.“

„Richtig, ich erinnere mich sehr gut daran.“

Wenn Ihre Dialoge auch nur entfernte Ähnlichkeit mit diesem (zugegebenermaßen stark überzogenen) haben, begehen Sie einen großen Fehler. Dialoge sollen realistisch sein. Niemand redet so bizarr wie Mary und John.

„Thanks, but this isn´t for us“

Schreibratgeber von Jessica Morrell

„Thanks, but this isn´t for us.“ Die Autorin Jessica Page Morrell wählte diesen ablehnenden Satz für den Titel ihres Werkes und fügt hinzu: „A compassionate guide to why your writing is being rejected“. (Und wieso der Verlag „Thanks, but this isn´t for us“ als Begründung der Ablehnung schreibt.)

Wer das Werk der Autoren Newman und Mittelmark gelesen hat, findet im von Frau Morrell erstellten Schreibratgeber viel Bekanntes. Einerseits liegt das daran, dass die Anzahl der Anfängerfehler (glücklicherweise) endlich ist und andererseits jeder Lektorin stets die gleichen Dinge (Fehler) auffallen. So mahnt auch Frau Morrell, den Leser nicht am Anfang mit Backstory oder überladenen Szenen, in denen Romanfiguren nur mit sich selbst beschäftigt sind, zu langweilen. Typisch nennt sie eine Szene, in der eine Romanfigur zu einem wichtigen Treffen fährt. Die Fahrt dauert mindestens vier Buchseiten, in welcher die Figur ihr bisheriges Leben reflektiert, über den Grund des Treffens nachdenkt, die Landschaft genießt, den Sonnenschein und bla, bla, bla.

Bis die Handlung mit Ankunft der Figur endlich weiter geht, sind vier Seiten verschwendet und der Lektor des Verlags vergrault.

Ebenso findet Frau Morrell den „Blick in den Spiegel“ albern, in der eine Figur in den Spiegel schaut und Details ihres Gesichts dem Leser offenbart. Natürlich beschränkt sich die Autorin nicht nur darauf, Fehler zu nennen. Sie gibt Tipps für gute Romaneröffnungen anhand von Beispielen veröffentlichter Werke. Deshalb landet das Buch auf meiner Empfehlungsliste.

„Techniques of the selling writer“

Techniques of the selling writer Dwight V. Swain

Dieses Buch bildet den Abschluss der Empfehlungen guter Schreibratgeber für diesen Blogbeitrag. Geschrieben 1965 von Professor Dwight V. Swain, per Testament 1973 an die Universität von Oklahoma vermacht. Seitdem wird es regelmäßig von der Universität neu aufgelegt. Das Alter des Textes merkt der Leser nur manchmal, beispielsweise bei der Empfehlung, dass ein Autor stets ein gutes Farbband in der Schreibmaschine haben soll. Ansonsten sind die Tipps im Buch zeitlos. Es geht z.B. um die Szenengestaltung, den strukturellen Aufbau einer Szene, den Beginn, die Mitte und das Ende eines Romans. Herr Swain wählte den Titel mit voller Absicht. Er beschreibt die Techniken der Autoren, die ihre Bücher verkaufen können. Im Umkehrschluss meint er damit, dass man durch Befolgen seiner Empfehlungen zu einem verkaufenden Autor wird.

Damit hat er – zumindest hinsichtlich der Qualität der Empfehlungen – durchaus Recht. Selbstverständlich kann man nicht sagen, dass jeder, der die Ratschläge befolgt, seine Manuskripte ganz bestimmt verkaufen kann. Zulässig ist nur die Aussage, dass die Chancen größer werden.

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Bildquelle

  • how_not_write_Novel: www.amazon.de
  • Lukeman First Five Pages: amazon.com
  • Thanks, this isn´t for us: amazon.de
  • Classmate try to cheat on his neighbour: Production Perig www.fotolia.de

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