Die erste Buchseite – die Bewerbung des Autors

Die erste Buchseite, der erste Absatz, oft unterschätzt, oft zu wenig gewürdigt. Der typische Besucher einer Buchhandlung liest zuerst den Klappentext, vielleicht die ersten beiden Absätze ausführlich. Danach fällt die Entscheidung über Kauf oder Zurücklegen auf den Stapel.

Kann man von der ersten Seite auf den weiteren Inhalt des Buches schließen? Ja, das Klischee trifft tatsächlich zu. Schon die ersten Absätze verraten viel darüber, ob ein Autor sein Handwerk versteht.

Der Schreibratgeber „Hot not to write a novel – 200 mistakes to avoid at all costs“ von Sandra Newman und Howard Mittelmark bringt beispielsweise das Problem der ersten Buchseite auf den Punkt. Sie vergleichen einen erfolgreichen Roman mit einem chancenlosen Produkt.

Der erfolgreiche Roman startet mit einer sympathischen Romanfigur, die sich einem  schmerzenden Problem gegenüber sieht, dem sie nicht ausweichen kann. Im Verlauf der Handlung investiert die Figur alle Ressourcen in die Problemlösung, wobei neue Informationen, unvorhersehbare Entwicklungen oder schockierende Ereignisse sie daran entweder hindern oder ihr einen Schubs in die passende Richtung geben. Quälende innere Konflikte treiben sie voran. Teilweise lähmen diese auch in Momenten, in denen die Figur sich einer unbequemen Wahrheit stellen muss. Zum Schluss löst die Romanfigur das Problem in einer anfangs überraschenden Weise. Der Leser erinnert sich aber an im Buch verstreute Hinweise oder Szenen, die im Nachhinein die Problemlösung als elegant und unausweichlich erscheinen lassen. Zufrieden legt der Leser das Buch zur Seite.

Der chancenlose Roman hingegen stellt zuerst die Romanfigur vor, dann deren Vater, die Mutter, die drei Brüder und die Hauskatze. Jede Person/Tier erhält eine ausführliche Szene, in der sowohl ihre Vergangenheit als auch ihr Verhalten in Alltagssituationen in hohem Detailgrad präsentiert werden. Dann folgen Szenen in denen die Personen in diversen Situationen aufeinander treffen, um die gegenseitigen Beziehungen zu verdeutlichen.

Manchmal startet der Roman mit einem Prolog, in dem die Romanfigur aus dem Fenster starrt, über ihr Leben philosophiert oder andere Dinge, welcher der Autor/die Autorin nicht für nötig hält in Form von Handlung anschaulich dem Leser zu präsentieren.

Wieder andere, insbesondere im Bereich Fantasy oder Science Fiction, beginnen mit epischen Beschreibungen der Romanwelt ähnlich dem Charme einer Gebrauchsanweisung: trocken und langweilig. Ungefähr auf Seite 20 erhält der Leser – falls er bis dahin durchgehalten hat – den Zipfel eines Hinweises worum es in dem Roman überhaupt geht.

Der chancenlose Roman startet nach den Erfahrungen von Sandra Newman die erste Buchseite oft mit einem „kritischen“ Problem, z.B. einem desaströsen Haarschnitt. Genau in dem Moment, in dem das Selbstwertgefühl der Romanfigur am buchstäblichen Faden hängt. Dieser Szene folgt dann eine der Form: „Mama denkt, dass ich zu viel Geld für Frisuren ausgebe, obwohl gute Frisuren für das Selbstwertgefühl wichtig sind“, was zur nächsten Szene „Mein Freund versteht meine Bedürfnisse nicht, erkennt aber schließlich, dass Mädchen anders ticken“, und der Abschlussszene: „Nach dem ganzen Stress mit Frisur und Freund brauche ich erst Mal ein Entspannungsbad.“ Während des Badens denkt die Romanfigur dann ausführlich über die letzten Szenen nach und fasst im Detail die Ereignisse zusammen, die zum Besuch der Badewanne führten. Eventuell gibt es in Kapitel 9 einen ersten Hinweis darauf, was eigentlich der Kern der Handlung sein soll.

Diese Beispiele der Autoren Newman und Mittelmark sind keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Leider gibt schon die erste Seite Auskunft darüber, ob die Autorin/der Autor ihr/sein Handwerk versteht oder nicht.

Wählen wir als Beispiel die schon als abgedroschen zu bezeichnende Szene „Unbekannte(r) erteilt Privatdetektiv einen Auftrag“. Nehmen wir an, dass die Szene in einer Fantasy-Welt spielt, in der Vampire existieren. Nehmen wir ferner an, dass so ein Wesen das Büro einer selbstbewussten Detektivin betritt um ihr einen Job anzubieten. Wie könnte man das darstellen? Schon in den ersten Sätzen muss klar sein, dass es sich um eine Fantasy-Welt handelt, der Besucher kein Mensch ist und die Detektivin über eine große Portion Selbstbewusstsein verfügt. Der einfachste Weg wäre der Erzählstil in der Form: „Detektivin X war eine selbstbewusste Frau, die sich auch von Vampiren nie einschüchtern ließ.“

Laurell K. Hamilton löste die Anforderungen elegant in ihrem Roman „Bittersüße Tode.“ Gleich der erste Satz zeigt den Charakter der Romanfigur und erzeugt Neugierde beim Leser:

Willie McCoy war schon vor seinem Tod ein Blödmann gewesen.

Die beiden nachfolgenden Sätze stellen klar, dass es eine Fantasy-Story sein muss.

Dass er nun tot war, änderte daran nichts. Er saß mir gegenüber in seinem grell karierten Sakko.

Ein Toter, der als dumm bezeichnet wird, sitzt der Romanfigur gegenüber. Die weitere Beschreibung dieses Wesens zeigt, welchen Eindruck sie auf die Hauptperson ausübt.

Seine Polyesterhose war hellgrün. Das kurze schwarze Haar hatte er sich aus dem dünnen dreieckigen Gesicht nach hinten geklatscht. Er hatte mich schon immer an eine Gestalt aus einem Gangsterfilm erinnert. Die Sorte, die Informationen verkauft, Aufträge ausführt und entbehrlich ist.

Der Charakter der Detektivin und ihr Selbstbewusstsein sind indirekt durch die Reaktion auf den Vampir dem Leser gezeigt worden. Ebenso weiß der Leser nach dem Absatz, dass es eine Fantasy-Story ist. Zeigen, nicht Erzählen. Ausgezeichnet umgesetzt.

Wenn wir das Genre Fantasy verlassen und uns der realen Welt zuwenden, lassen sich ebenfalls Romananfänge finden, welche die Hauptfigur und ihr Problem zeigen, das Thema der Handlung elegant verdeutlichen.

Jennifer Crusie beginnt ihren Roman, „Die Gerüchteköchin“, mit folgendem Satz:

An einem heißen Donnerstagnachmittag im August griff Maddie Faraday im Cadillac ihres Ehemanns unter den Vordersitz und zog einen Slip aus schwarzer Spitze hervor. Ihr gehörte er nicht.

Damit ist die weitere Entwicklung vorprogrammiert. Scheidung? Im Nachhinein stellt sich heraus, dass dies aufgrund der persönlichen Situation der Romanfigur und der kleinstädtischen Umgebung alles andere als einfach ist. Ein gelungener Start und die Vorschau auf kommende Ereignisse. Gute Arbeit von Frau Crusie, gute erste Buchseite.

Als Kontrast dazu der Krimibeginn eines Anfängers:

„P, kommen Sie mal!“ P war Hauptkommissar bei der Kripo, 38 Jahre, nicht verheiratet, und hatte bis jetzt mit Kleinkriminellen zu tun gehabt. Ein Mann in den besten Jahren, körperlich fit und immer noch alleine. Sein größter Fall ein geklautes Auto, das nach Polen verschoben wurde. Das Pikante an der Sache war, dass das Auto zum Fuhrpark des Innenministers gehörte. Der Fall wurde aufgeklärt, das Auto aus Polen nach Deutschland gebracht und die Pistole, die im Handschuhfach lag, wurde nie gefunden. P war das egal. Der Wagen war da und gut. Was war noch Wissenswertes zu P zu sagen? Er kam vor fünf Jahren aus Hamburg nach Berlin, die Liebe war aber auch schon seit drei Jahren vorbei. Die einzige Liebe, die er noch hatte, waren seine zwei Katzen. Für die ging er über Leichen.

Was fällt Ihnen auf (neben der Wortfaulheit, die sich durch häufige „war“ und „hatte“ manifestiert)? Bestimmt erkennen Sie, dass der Autor nur erzählt. Nichts erschließt sich von alleine. Man benötigt den Erzähler als großen Kommunikator. Er stellt Kommissar P vor, berichtet über dessen Vergangenheit, dessen Hobby, den Katzen. Leider weckt der Romanbeginn keine Neugierde. Er enthält Backstory, bringt zwar die Hauptfigur näher, aber ohne Aussicht auf Spannendes. 135 Worte, aber kein Hinweis auf irgendein Problem, welches den Alltag der Figur P durcheinanderwirbelt. Schwach. Ein scharfer Kontrast zum Gewicht der 28 Worte bei Frau Crusie. Wieso sollte mich als Leser die Romanfigur P interessieren?

Der Start mit der wörtlichen Rede liefert nichts. P könnte beispielsweise von einem Kollegen gerufen werden, der ihm die Fußballtabelle in der Zeitung zeigen will. P´s Verein steht ganz unten, hä, hä. Es könnte der Chef sein, der ihm die Urlaubsgenehmigung überreicht oder Glückwünsche zur Beförderung ausspricht. Vielleicht ist es auch eine Kollegin, die sich endlich überwindet und P zum Essen einladen möchte. Alles ist möglich, das ist das Problem. Wenn man dem Leser nichts verspricht, wieso soll er das Buch kaufen?

Wie geht dagegen Jeffery Deaver in seinem Roman „Der Insektensammler“ vor?

Sie kam hierher um Blumen an der Stelle niederzulegen, wo der Junge getötet und das Mädchen entführt worden war.

Sie kam hierher, weil sie eine dickliche junge Frau mit narbigem Gesicht war und nicht viele Freunde hatte.

Sie kam her, weil man es von ihr erwartete.

Sie kam her, weil sie es wollte.

Auch hier wird vordergründig erzählt, aber gleichzeitig werden Fragen aufgeworfen. Was geschah mit dem Jungen und dem Mädchen? Wieso fühlt sich die Frau dazu verpflichtet Blumen niederzulegen? Neugierde des Lesers ist ein Kaufanreiz. Der Autor Deaver erzeugt ihn mit nur 53 Worten.

Erkennen Sie im Gegensatz dazu am Beispiel von Kommissar P irgendwelche Probleme? Entdecken Sie etwas Geheimnisvolles? Der Autor verspricht nichts, was er logischerweise auch hält. Allerdings beteuert er indirekt, dass sein Roman genauso langweilig wird, wie es die ersten Sätze vermuten lassen. Damit setzt er keinen Kaufanreiz.

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, wie man mit Hilfe der ersten Buchseite einen Kaufanreiz setzt, dann finden Sie in meinem Schreibratgeber „Die erste Seite“ ausführliche Beispiele.

Ein Schreibratgeber

Der Ratgeber stellt Zitate der ersten Sätze aus 48 erfolgreichen Romanen mit Besprechung der Wirkung auf den Leser vor. Er enthält die ausführliche Rezension von je 4 ersten Seiten von Anfängerwerken aus den Genres Krimi und Fantasy.

Erfahren Sie, wie man die erste Seite so gestaltet, dass der Leser gefesselt wird, auf die nächste Seite umblättert, die übernächste usw. bis zum Schluss. Die erste Buchseite liefert dazu einen wichtigen Anreiz.

Das ebook ist hier bei Amazon erhältlich.

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