Harry Potter und die billige Kopie

Es gibt immer wieder den Versuch, erfolgreiche Plots zu kopieren. Harry Potter gehört dazu. Manche denken, man könne ein paar Elemente der Handlung mixen und so auf die Welle aufspringen. Die Ergebnisse findet man bei schlauen Autoren als kostenlos veröffentlichtes ebook. Manchmal geht es auch ein in den großen Fundus der DKZ-Verlage. Eines dieser Werke stelle ich anschließend vor. Wie üblich wurden Personenbezeichnungen weitgehend anonymisiert. Es geht um den Text, nicht den Autor.

So beginnt das Buch, steigen wir ein in die erste Seite:

Ich stand immer noch trauernd im völlig zerstörten Wohnzimmer der Villa meiner Eltern. Völlig geschockt auf die beiden toten Körper starrend, ließ ich den Brief mit zitternden Händen fallen.

Alles hier lag kaputt und voller Blut quer im Zimmer. Die weißen Sofakissen, welche normalerweise auf dem ebenfalls schneeweißen Sofa hätten liegen sollen, lagen blutbefleckt und zerrissen überall im Zimmer herum. Einige der Federn flogen noch umher. Auch das Sofa war in der Mitte durchgebrochen, als hätte jemand mit der Brechstange darauf herumgehämmert. Blut klebte überall, an den Wänden, der Decke und dem Boden. Das hier war ein Schlachtfeld. Lord D hatte meine Eltern getötet. Und jetzt wusste ich auch warum. Ich – eigentlich wie ich glaubte, Elisebeth Jane H., war in Wirklichkeit Amalia Elisebeth Isabella B. Ich hatte es durch einen Brief meiner Eltern erfahren, welchen ich gefunden hatte, als ich sie leblos auf dem Boden liegend auffand. Er war ebenfalls, wie alles um mich herum, blutbefleckt gewesen.

Die Magic Police, eine Organisation des Zauberministeriums, war vor Kurzem hier eingetroffen, da sie vom Tod zweier nichtmagischer Menschen, wie es meine Pflegeeltern gewesen waren, wie ich annahm vom Schulleiter der School of Magical Arts erfahren hatten. Sie vermuteten, dass meine Eltern den Brief kurz vor ihrem Tod verfasst hatten. Ob gewollt oder ungewollt war nicht klar. Es war mir auch egal.

Tja, Zauberministerium, ein dunkler Lord, der Leute umbringt, eine Zauberschule. Kennen wir das nicht von irgendwo her? Die Ähnlichkeiten sind frappierend, auch in der obigen Story scheint es einen mitfühlenden Schulleiter zu geben, der seine Hand schützend über einen bestimmten Schüler (hier Schülerin) hält.

Es ist also eine Kopie. Das allein ist nicht unbedingt schlecht, es gibt immer Varianten bekannter Stoffe. Aber wenn man schon kopiert, dann sollte man die Story stärker verfremden und dadurch interessanter machen. Eine Speisekarte wird für den Gast nicht dadurch abwechslungsreicher, dass statt einer Tomatensuppe mit Lauch nun eine Lauchsuppe mit Tomaten angeboten wird. Im Zweifel meide ich zukünftig das Restaurant, wenn ich andere Geschmacksvarianten ausprobieren will. Warum sollte ich demzufolge ein Buch kaufen, welches mir Harry Potter als Abklatsch anbietet?

Kommen wir zum ersten Absatz. Fühlt man als Leser irgendwie mit der Hauptperson mit? Ich jedenfalls nicht. Eine mir als Leser bisher unbekannte Person wird mir mit viel Erzählen nähergebracht. Sie hat gerade ihre Eltern verloren, wenig später sind es „bloß“ die Pflegeeltern (aha, neue Info, aus dem Hut gezaubert) aber fühle ich mit der Protagonistin? Nein!

Wieso fühlt man nichts? Die Trauer wird erzählt, nicht gezeigt! Stellen wir uns doch einmal vor, wir würden nahe Verwandte ermordet auffinden. Was fühlt man in so einem Moment? Wie könnte man es ausdrücken durch „Zeigen, nicht Erzählen“? Würde ich in so einer Situation einen Blick dafür haben, dass schneeweiße Kissen nicht ordentlich auf dem schneeweißen Sofa liegen? Würde ich nicht eher die beiden geliebten Menschen betrachten, ihre Verletzungen, mir entsetzt ihre letzten Minuten vorstellen? Ich würde an die letzte Begegnung mit ihnen denken. Vielleicht fühle ich mich schuldig, weil ich damals mit ihnen über etwas stritt, das rückblickend völlig belanglos ist. Ich würde diesen Streit nachträglich tief bedauern.

Nichts davon wird in dem Text gezeigt. Es wird erzählt, dass man trauernd im Zimmer steht. Das Blut am Tatort kommt eher als störend für die Ordnung daher, als Flecken auf dem makellosen Sofa, die rüpelhafte Gäste hinterließen.

Wieso ist das Sofa wichtig? Saßen die Toten darauf, bevor sie überfallen wurden? Warum sind die Kissen zerfetzt? Muss ein Mörder das tun, wenn er zwei Menschen umbringt? Muss er ein Sofa zerstören? Würde er sich nicht eher auf die Opfer konzentrieren?

Der Tatort und seine Beschreibung sind wichtig, aber wer etwas aus der Ich-Perspektive beschreibt, muss als Autor mehr überlegen. Was genau würde ich als naher Verwandter zuerst an einem Tatort registrieren? Welche Gedanken würden mir durch den Kopf gehen? Ich vermisse in dem Text echte Anteilnahme, die erzählte Trauer nehme ich der Protagonistin nicht ab. Es ist mir zu viel Beschreibung des Wohnzimmers und dazu noch eine falsche. Seit der Tat dürfte schon einige Zeit vergangen sein, denn die Heldin konnte zwischenzeitlich einen Brief lesen. Trotzdem fliegen noch Federn herum? Gibt es Zugluft dort, in der Villa? Steht ein Fenster offen?

Ich – eigentlich wie ich glaubte, Elisebeth Jane H., war in Wirklichkeit Amalia Elisebeth Isabella B.

Aufmerksame Leser meines Blogs erinnern sich an den Beitrag über Mary Sue. Ein Kennzeichen einer Mary Sue ist ein ausgefallener Name und eine besondere Herkunft. Bei mir schrillten die Alarmglocken, als ich den Namen der Protagonistin las.

Ich hatte es durch einen Brief meiner Eltern erfahren, welchen ich gefunden hatte, als ich sie leblos auf dem Boden liegend auffand.

Ich stelle mir gerade eine Romanszene vor. Ein junges Mädchen kommt nach Hause, die Tür steht merkwürdigerweise offen. Sie ruft die Namen ihrer Eltern, aber niemand antwortet. Es liegt zerbrochenes Geschirr auf dem Boden, vielleicht sind auch Stühle umgeworfen. Verwundert läuft sie in der Villa (kein Haus, eine Villa! Passend für eine Mary Sue) herum, betritt nacheinander diverse Räume, kommt zum Schluss ins Wohnzimmer und findet … Damit hätte man eine ganze Seite füllen können und es wäre spannender gewesen als dieser geschwollene Schachtelsatz.

Die Magic Police, eine Organisation des Zauberministeriums, war vor Kurzem hier eingetroffen, da sie vom Tod zweier nichtmagischer Menschen, wie es meine Pflegeeltern gewesen waren, wie ich annahm vom Schulleiter der School of Magical Arts erfahren hatten.

Der brutalste Schachtelsatz. Den muss man erst mal verdauen.

Übrigens erfahren wir Leser hier erstmals, dass es nicht die richtigen Eltern, sondern „bloß“ Pflegeeltern gewesen waren. Ein kleiner Hase aus dem Zauberhut? Man hört die Autorin im Geiste zu uns reden: Hallo Leser meines Romans, es sind übrigens Pflegeeltern, nebenbei bemerkt. Ach ja, die Heldin geht auf eine Zauberschule und da gibt es einen Schulleiter, der – wie auch immer – zeitnah gemerkt hat, dass die Eltern der Heldin ermordet wurden. Er verständigte natürlich sofort die Magie-Polizei. Es existiert in der Story ein Zauberministerium mit angeschlossener Polizeieinheit. All diese Informationen habe ich in einen einzigen Satz verpackt! Bin ich nicht gut?

Sie vermuteten, dass meine Eltern den Brief kurz vor ihrem Tod verfasst hatten. Ob gewollt oder ungewollt war nicht klar. Es war mir auch egal.

Als Leser ist mir inzwischen auch vieles egal. Es ist mir beispielswiese völlig egal, was die gute Mary Sue für Probleme hat und der Tod dieser Eltern ist mir auch schnuppe. Nein, ich bin nicht herzlos, aber als Leser möchte ich eine emotionale Bindung zu den Figuren eingehen. Ich hätte den Tod der Pflegeeltern bedauert, wenn ich sie beispielsweise als liebenswertes Paar in ihrem Alltag hätte erleben dürfen. Wenn ich sie erlebt hätte, wie sie sich um ihr Pflegekind kümmern, sich ihre Sorgen anhören und über ihre Schulleistungen oder ihre Zukunft diskutieren. Das verwehrte mir die Autorin. Die Toten sind Pflegeeltern, ich erfahre nichts anderes über sie. Stattdessen erzählt man mir etwas über ein schneeweißes Sofa. Reizend, wirklich reizend.

Was weiß ich nach den ersten Absätzen über Amalia Elisebeth (übrigens kein Tippfehler, das e) Isabella B (Mary Sue)? Sie ist ein Mädchen, hat irgendwas mit Zauberei zu tun, geht auf irgendeine Zauberschule und wohnt bei Pflegeeltern. Okay, durch den Brief weiß sie jetzt, dass sie jemand anderes ist als vorher. Ach, ja, irgendein Lord D, der zentrale Bösewicht der Story, hat die beiden getötet. Kümmert mich das? Nein! Denn ich empfinde weder etwas für Mary Sue, noch ihre Probleme. Warum? Weil ich nichts über sie erfahren habe, das für eine Beziehung wichtig ist. Beispiele: Was ist ihre Meinung über diverse Dinge, ihre Schule, ihre Klassenkameraden? Mit welchen Problemen sieht sie sich konfrontiert, was erlebte sie bisher? Wie ist ihr Verhältnis zu den Pflegeeltern? Wie wurde sie von ihnen behandelt? Hat sie an der Schule Probleme oder findet sie sie toll? Was ist so besonders daran, in Wahrheit eine geborene B zu sein? Würde man es als Leser nicht besser verstehen, wüsste man es vorher? So eine Art „Aha-Effekt“? „Aha, sie stammt von der Familie B ab, das sind doch die, über die man in der Schule nur hinter vorgehaltener Hand …“

Hier sehen wir den schlimmsten Fehler, den man begehen kann. Die Figuren werden lieblos hingeklatscht und sofort mit einem entscheidenden Problem konfrontiert. Wie sähe Harry Potter Band 1 aus, hätte JK Rowling so gearbeitet? Er bekommt einen Brief, merkt, dass er das Kind von Zauberern ist. Er heißt nicht Harry Potter, sondern in Wahrheit Charles Augustus Socrates Julius Potter (von seinen Freunden auch Harry Stu genannt). Sofort drückt man ihm einen Zauberstab in die Hand und schickt ihn am selben Tag nach Hogwarts. Dort begegnet er dem Professor, der von Voldemort besessen ist und beginnt den Kampf. Hätte das Buch so eine Chance auf Erfolg gehabt? Ich denke nicht.

Zusammenfassung der Fehler:

Der Roman startet mit einer Katastrophe, die aufgrund der lahmen Beschreibung den Leser unberührt lässt. Die toten Eltern finden Erwähnung am Rande von Schachtelsätzen, viel Platz wird verschwendet für die Beschreibung von Möbeln. Man gewinnt den Eindruck, dass die Eltern weniger wichtig sind als der Zustand des Wohnzimmers und seiner Möbel. Die Protagonistin wird mit einem Rattenschwanz von Vornamen vorgestellt, was verdächtig nach einer Mary Sue riecht. Leider erfahren wir nur wenig über ihr Leben, ihre Freunde, ihre Probleme in der Gesellschaft. Falls etwas darüber berichtet wird, dann überfallartig (Bsp: Zauberministerium, Zauberpolizei, Der dunkle Lord usw.) in den ersten Absätzen! Holla die Waldfee!

Ich habe nicht alles abgeschrieben, doch der Roman beginnt mit der Seite 9 und Mary Sue ist ab Seite 12 schon in der Zauberschule. Die Autorin geht also mit Lichtgeschwindigkeit durch die Handlung. Ein typischer Anfängerfehler.

In der Theorie zur Strukturierung von Romanen gibt es den sogenannten „Inciting Incident“, den Punkt der Handlung, der das Leben des Protagonisten für immer verändert. Randy Ingermanson nennt es das 1. Desaster. Es soll spätestens an der 25 % Marke eintreten, gerne auch früher wenn es der Plot erfordert, aber garantiert nie auf der ersten Seite! Wieso? Weil die Zeit bis dahin benötigt wird, um die Romanwelt und den Protagonisten vorzustellen, dem Leser eine emotionale Bindung zu ermöglichen. JK Rowling machte in Band 1 genau das: Harry daheim, im Zoo usw.

Man kann von JK Rowling einiges lernen. Beispielsweise kann man in Band 1 die Seiten zählen bis Harry in Hogwarts auftaucht und sie ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Seiten setzen. Diese Seiten füllte Frau Rowling mit Details über das Leben von Harry und seinen Freunden. So brachte sie uns die Figuren näher, machte sie dreidimensional und sympathisch. Es hat seinen Grund, dass Harry erst in Hogwarts auftaucht, nachdem er dem Leser ausdrücklich vorgestellt wurde.

Hier die Daten meiner Ausgabe von Harry Potter: Der Stein der Weisen. Das Buch beginnt mit Seite 5, geht bis Seite 335, hat also insgesamt 330 Seiten. Das Kapitel, in dem Hagrid dem kleinen Harry seine wahre Identität eröffnet, beginnt auf Seite 54 (16 % des Romans) und dauert bis Seite 69 (knapp 21 % des Romans). In Hogwarts taucht Harry ab Seite 123 auf (37 %). JK Rowling hat also den Inciting Incident leicht vorgezogen, dafür die Vorgeschichte bis zur Entfaltung der Haupthandlung in Hogwarts bis zur 37 %-Marke ausgedehnt. Erforderlich fand sie es wahrscheinlich, um alle wichtigen Personen (z.B. Hermine und Ron) vorzustellen, sowie einen ersten Eindruck von den Vorgängen in der Schule zu geben. So wird man als Leser nicht überfallartig mit neuen Dingen konfrontiert.

Mein Fazit: Wenn schon kopieren, dann richtig.

 

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Bildquelle

  • Surprised magician girl with magic wand: Ilike Fotolia.de

2 Gedanken zu „Harry Potter und die billige Kopie“

    1. Den Titel lasse ich in den Fällen weg, in denen ich aus „Werken“ von armen Menschen zitiere, die jede Menge Euros an dubiose Druckkostenzuschuss-Verlage bezahlten, damit ihr Werk gedruckt wird. Echte Verlage sagen klar und deutlich, dass Manuskripte nicht veröffentlichungsreif sind, andere hingegen halten frech die Hand auf. Die Besprechung erfolgt mit dem Zweck zu zeigen, was für gravierende Fehler vorliegen und wie man sie vermeidet. Die Autorin, die ohnehin schon Geld verloren hat, wollte ich durch Nennung von Namen und Buchtitel nicht noch zusätzlich bestrafen.

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