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Der Ich-Erzähler: Tücke im Detail

Eine Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Das klingt gerade für Anfänger sehr verlockend. Man kann leichter eine Beziehung zwischen Leser und Romanfigur herstellen. Dem Autor geht das „Ich“ locker von der Hand.

Oberflächlich gesehen stimmt das. Leider liegt auch beim Ich-Erzähler die Tücke im Detail. Einerseits benötigt ein in dieser Perspektive geschriebener Roman ebenfalls umfangreiche Recherchen zu Plot und Umgebungsdetails. Andererseits muss der Autor vollständig in die Romanfigur eintauchen, soll die Ich-Perspektive authentisch wirken. Das fällt besonders schwer, wenn zwischen dem Alter des Autors/der Autorin und dem der Romanfigur ein großer Unterschied besteht.

Der Text, den ich nachfolgend zitiere, stammt von einem Autor im Rentenalter. Das allein ist kein Problem. Sein Protagonist ist ebenfalls männlich, Ingenieur und vermutlich um die Dreißig. Hier fängt das Problem an. Das Deutsch, welches der Autor für die Gedanken der Romanfigur verwendet, ist in manchen Stellen altertümlich. Es spiegelt die Gedankenwelt und die Erfahrungen des Autors, nicht die der Romanfigur. Auch scheitert der Autor daran, die lebensgefährliche Situation seines Helden entsprechend dem Leser zu vermitteln. Umständlich zu lesende Schachtelsätze erzeugen Langeweile, aber niemals Spannung, Nägelkauen, den unbedingten Wunsch des Lesers, auf die nächste Seite umzublättern.

Das ist die Kernaufgabe eines Autors.

Der Autor schrieb bisher drei Bücher. Ehrlich gesagt, erkenne ich durchaus Verbesserungen im Lauf der Zeit. Jedenfalls hinsichtlich des Schreibstils. Der Autor hat sich im vorliegenden Beispiel ernsthaft bemüht, einen spannenden Anfang zu erschaffen. Er hat versucht, den Leser zu fesseln mit einer schlimmen Situation, in der sich die Romanfigur befindet. Das muss man grundsätzlich positiv bewerten.

Im Gegensatz zu früheren Arbeiten des Autors zeigt dies eine gewisse Entwicklung. Er entwickelte ein grundsätzliches Verständnis der Anforderungen des Genre Krimi und hat versucht, diese Anforderungen im Manuskript umzusetzen.

Anders sieht es mit dem Vergleich zwischen kostengünstigen und kostenintensiven Veröffentlichungsmethoden aus. Hier lernte der Autor leider überhaupt nichts. Anscheinend wirft er gerne Geld zum Fenster hinaus und reichte auch den dritten Roman bei einem Zuschussverlag ein. Hätte er mit dem Geld stattdessen einen freiberuflichen Lektor bezahlt, einen Designer für Buchcover und im Anschluss diverse kostenlose Internetquellen für die Veröffentlichung von ebooks und gedruckten Büchern genutzt, wäre es für ihn nicht nur erheblich billiger gekommen.

Der Autor hätte die Chance gehabt, für wenig Geld ein von einem professionellen Lektorat durchgesehenes Manuskript zu veröffentlichen und auf diese Weise die Wirkung seines Schreibstils und des Krimiplots auf die Öffentlichkeit zu testen. Derartige Erfahrungen helfen normalerweise bei der Autorenentwicklung. Es ist eine relativ einfache Methode mit einem ausgewogenen Kosten- Nutzenverhältnis.

Leider beschloss der Autor, auch seinen dritten Krimi bei einem Verlag zu veröffentlichen, der buchstäblich alles abdruckt – solange der jeweilige Autor/ die Autorin genügend Geldscheine auf den Schreibtisch legt. Bei unverkäuflichen Büchern muss man als Verlag ja irgendwie Gewinn einfahren. Was liegt näher als den Autor damit zu beauftragen?

Die Besprechung des Textes weiter unten zeigt, was die kritische Durchsicht eines erfahrenen Lektors oder die Diskussion in einer Autoren-Schreibgruppe zur Verbesserung des Manuskriptes hätte beitragen können.

  1. Kapitel:

Umrisse einer düsteren Halle tauchen aus dem Nichts auf, ein ohrenbetäubendes Geräusch eines Kompressorhammers lässt mich erschauern. Fantasie oder Wirklichkeit? Unfähig, klar zu denken, scheine ich aus einem Traum zu erwachen.

Die Halle ist real, das heftige Geräusch des Kompressors weicht einem dumpfen Brummen in meinem Schädel, meine Sinne spielen verrückt. Blut fließt aus meiner Kopfwunde über die Augenhöhlen und verbindet sich auf dem ölverschmierten Betonboden zu einer ekelhaften, klebrigen, rot-schwarzen Lache. Ich träume nicht, das ist die Realität!

Woher weiß der Ich-Erzähler, dass er eine Kopfwunde besitzt? Er kennt sogar die exakte Stelle über den Augenhöhlen? Die Romanfigur liegt auf dem Boden, wacht aus der Bewusstlosigkeit auf und sieht Blut. Es könnte von ihm stammen. Genauso gut könnte das Blut aber von weiter oben aus einer anderen Quelle auf ihn herabtropfen. In dieser Phase des Erwachens, der Dämmerphase zwischen Klarheit und Bewusstlosigkeit, kann der Ich-Erzähler höchstens Vermutungen zur eigenen Lage anstellen. Auch das Schädelbrummen deutet nicht automatisch auf eine Verwundung hin. Die Nachwirkung betäubender Drogen könnte ebenfalls verantwortlich sein. Hier liegt ein „Point-of-View“ Fehler vor. Der Autor gleitet in den allwissenden Erzähler ab, anstatt streng aus der Position des Ich-Erzählers die Handlung zu berichten.

Apathisch auf dem Bauche liegend, den Kopf zur Seite gedreht und schwach atmend, versuche ich meine Gedanken zu bündeln.

Dieser Satz richtet sich in erster Linie an den Leser. Ihm wird erzählt, dass der Ich-Erzähler apathisch in einer bestimmten Stellung auf dem Bauch liegt. In der Situation des langsamen Abschüttelns der Bewusstlosigkeit wird kein Mensch sich selbst als apathisch und schwach atmend bezeichnen. Im Gegenteil wird er zuerst versuchen, Informationen zu sammeln bezüglich der Fragen: Wo bin ich? Wie komme ich hierher? Warum brummt der Schädel? Woher stammt das Blut? Ist es meines?

Nebenbei bemerkt. Man hängt normalerweise kein „e“ an den Dativ Singular. Bauch(e) ist eine unübliche, veraltete Variante. Die übliche Deklination von Bauch ist: Der Bauch (Nominativ), des Bauches (Genitiv), dem Bauch (Dativ), den Bauch (Akkusativ)

Hier sehe ich die Handschrift des Autors, der dieses „Bauch(e)“ vielleicht vor langer Zeit einmal lernte. Die Handlung wird hier jedoch durch den Ich-Erzähler berichtet. Auch wenn das Alter des Protagonisten in der ganzen Leseprobe nicht exakt genannt wird, kann man anhand gewisser (hier nicht abgedruckter) Details auf einen Mann bis Mitte 30 schließen.

Würde jemand in diesem Alter denken: „Apathisch auf dem Bauche liegend…“ ?

Das ist das Problem, wenn man aus der Ich-Perspektive schreibt. Es handelt sich um die Gedanken des Protagonisten, der ein anderes Alter als der Autor/die Autorin besitzt, vielleicht sogar ein anderes Geschlecht. Viele Neulinge schaffen es nicht, sich in die handelnde Person hineinzudenken, sich Fragen zu stellen: „Wie spricht man in dem Alter?“ „Welche Worte benutzt man?“ „Welche Ausdrücke würde die handelnde Person aufgrund der Kombination aus Alter und Charaktereigenschaften verwenden?“

Wem das nicht klar ist, der sollte vom Ich-Erzähler die Finger lassen und in seinem Roman lieber die dritte Person verwenden bzw. den allwissenden Erzähler.

Eine ältere heisere Männerstimme in unmittelbarer Nähe holt mich in gebrochenem Französisch zurück in die Realität.

Seltsam. Drei Sätze weiter vorher sagt der Ich-Erzähler: „Ich träume nicht, das ist die Realität.“ Also ist er nach seiner eigenen Meinung bereits in der Realität angekommen. Wozu dann das erneute „Zurückholen“ durch eine gebrochen französisch sprechende Stimme? Der Satz ist ferner mehrdeutig. Holt den Ich-Erzähler die alte, heisere Männerstimme in die Realität zurück oder die unmittelbare Nähe dieser Stimme? Oder ist es der Mix aus der unmittelbaren Nähe, der heiseren Stimme und des gebrochenen Französisch, das dieses „Zurückholen“ verursacht? Natürlich bleibt die entscheidende Frage übrig, wieso der Ich-Erzähler in einen Zustand (Realität) zurückgeholt werden muss, den er gemäß seiner eigenen Gedanken bereits besitzt.

Was ich höre, lässt meine Nackenhaare sich sträuben.

Ein Passivsatz. Sollte man vermeiden. Wie wäre es aktiver mit: Die Worte jagen mir einen Schauer über den Rücken.

„.. und wenn er tatsächlich nichts wissen sollte, legt ihr ihn gleichwohl gleich um. Wir können uns keine Zeugen leisten.“

In dieser dramatischen Situation schaltet der Rest meines noch intakten Ichs instinktiv auf Überleben – es geht um Leben und Tod.

Eine Ansprache vom Autor an den Leser in der Form: Achtung! Ab jetzt geht es um Leben und Tod. Wollte ich dir, lieber Leser, nur mitteilen, falls du das noch nicht erkannt hast.

Wo bin ich? Wie komme ich hierher? Wer ist das und was will man von mir?

Die Gedanken hätte ich mir ein paar Sätze vorher gewünscht.

Schmerzende Arme und Beine hin oder her: Ich bleibe regungslos und mit geschlossenen Augen auf dem harten Betonboden liegen, die Häscher sollen glauben, dass ich mein Bewusstsein nicht wiedererlangt habe.

Wenige Zentimeter vor meinem Kopf erkenne ich durch zugekniffene Augen zwei Männerbeine in glänzend polierten schweren Lackschuhen mit stenzenhaften Absätzen, die heisere Stimme stammt von einer Person hinter meinem Rücken.

Stenz, im Züricher Raum die Bezeichnung für Zuhälter. Ich brauchte zur Ermittlung der Bedeutung ein Lexikon. Autoren sollten keine Worte verwenden, über die Nicht-Züricher zwangsläufig stolpern und deshalb aus dem Leserhythmus kommen. Das Ziel ist es, Leser aus dem ganzen deutschen Sprachraum bei der Stange zu halten und zu Käufern zu machen.

Ferner erkenne ich hier ein Klischee. Zuhälter tragen „immer“ Schuhe mit hohen „stenzenhaften“ Absätzen. Ist ja nicht so, dass die vielleicht Turnschuhe bequemer finden oder vielleicht mal Springerstiefel tragen oder normale Halbschuhe. Nein, stenzenhafte Absätze müssen es sein. Und der Schuh ist selbstverständlich lackiert. Jeder Zuhälter trägt lackierte Schuhe. Ist ein Naturgesetz.

Mindestens drei unbekannte Männer meine ich in diesem wahrscheinlich stillgelegten Lager oder in der Fabrikhalle zu erkennen. Sie unterhalten sich auf Französisch. Nun habe ich Gewissheit: Es sind tatsächlich drei Männer.

Woher weiß der Ich-Erzähler das? Aus der Unterhaltung in Französisch? Oder weil er nur drei Stimmen hört? Kein schweigender Vierter, der im Hintergrund alles beobachtet? Ein Lektor hätte den ersten Satz übrigens verbessert. So suggeriert der Satz, dass der Ich-Erzähler die drei Männer entweder in einem stillgelegten Lager oder in einer Fabrikhalle erkennt. Zwei verschiedene Orte, an denen die Handlung gleichzeitig spielt? Wie wäre es stattdessen mit: „Mindestens drei Unbekannte. Wo war ich? Ein altes Lager? Eine stillgelegte Fabrikhalle? Unmöglich, den Ort genauer zu bestimmen.“

Vor vielleicht einer Minute bin ich aus der Ohnmacht erwacht. Unwissend, wo und weshalb ich mich hier befinde, auch fehlt mir jeglicher Hinweis zur Tageszeit, nur wenig Licht erhellt den Raum, das macht die Situation für mich noch unerträglicher. Meine Nackenhaare sträuben sich erneut.

Ja, die bösen Nackenhaare. Abgesehen davon wäre einem Menschen die Situation bereits unerträglich durch die Aussicht, demnächst ermordet zu werden. Da fällt schummriges Licht nicht besonders ins Gewicht, oder? Übrigens sind Schachtelsätze schlecht für die Erzeugung von Spannung. Spannende Szenen haben kurze Sätze. Ein abgehakter Schreibstil würde sich hier auch deshalb anbieten, weil der Ich-Erzähler sich in einem Dämmerzustand befindet. Er begreift nur bruchstückhaft die Umgebung, versucht die Lage zu analysieren, wird zunehmend verzweifelt. Das muss dem Leser verdeutlicht werden. Er muss sich in die Welt des Protagonisten hineindenken können. Es ist Aufgabe des Autors, genau das zu erschaffen.  Dieser Autor ist daran gescheitert.

Welcher Mensch in so einer Situation würde so verschwurbelt denken, wie hier suggeriert wird?

„Unwissend, wo und weshalb ich mich hier befinde (ordne ich meine Gedanken, im Bewusstsein, in einer alten Halle zu liegen, umgeben von Gangstern, die – aus welchen Gründen auch immer – sich herausgenommen haben, mich, die Unschuldsperson, zu ermorden, ohne Rücksicht auf mein Lebensalter oder mein nettes Äußeres, das doch unverzagt jedem Hilfe verspricht, der es verdient…)“

Sie sehen, worauf ich hinaus will. Schachtelsätze sind ermüdend. Spannung? Null.

Der Besitzer der heiseren Stimme (Komma vergessen) anscheinend der Chef der Bande, schickt sich an, die Halle zu verlassen. „Wir treffen uns dann am vereinbarten Ort, verscharrt ihn an derselben Stelle wie die letzten beiden.“

Gehorsam spricht aus dem „Ja, Capo, werden wir erledigen.“

Capo, ein Wort aus dem Italienischen (übersetzt: Kopf), wird von französisch sprechenden Personen benutzt? Wieso nicht „le chef“ oder „le meneur“?

Nebenbei bemerkt: Was ist eigentlich aus dem Kompressor geworden? Erst nervt der Lärm fürchterlich, dann ist er wie von Zauberhand weg und taucht auch später in der gesamten Leseprobe nicht mehr auf. Plotfehler der Art, dass Dinge erst erwähnt werden und dann stillschweigend in der Versenkung verschwinden, sollte ein Autor bei der kritischen Durchsicht des eigenen Werkes finden.

Es sind zwei Männer, die zurückbleiben, sich meiner annehmen und mich zum Sprechen bringen wollen.

Ein kleiner Hinweis an Leser ohne mathematische Fähigkeiten. Drei minus Eins macht Zwei.

Die Art ihrer Ergebenheit lässt auf eine strenge Hierarchie schließen, wahrscheinlich eine Mafia-Organisation – wilde Gedanken rasen durch mein Hirn.

Was für wilde Gedanken sind es denn? Wieso erfährt der Leser immer nur diese komischen Andeutungen, die eigentlich nur Blabla sind? Ferner würde mich interessieren, was der Unterschied zwischen einer strengen Hierarchie und einer unstrengen Hierarchie ist. Wieso kann der Ich-Erzähler den Unterschied aus den paar Sätzen der anderen Romanfiguren erkennen? Nicht jede Dreier-Gruppe skrupelloser Gangster ist eine Mafia-Organisation. Es könnten auch immer nur drei Leute sein, die zusammenarbeiten, z.B. der Onkel mit zwei Neffen, zwei Brüder und der Schwager. Eine Familienbande, die immer nur zu dritt handelt, keine Mafia.

Hier war es vermutlich so, dass der Plot den Kampf des tapferen Helden gegen die Mafia vorsieht. Also muss der Ich-Erzähler sofort erkennen, mit wem er es zu tun hat. Ein guter Autor hätte den Ich-Erzähler erst abwegige Vermutungen anstellen lassen, die erst später nach und nach durch neue Informationen ersetzt werden und das wahre Bild ergeben. Man hätte den Leser erst einmal in die Irre führen, dadurch ein weiteres Spannungselement aufbauen können. Wer will Böses von der Romanfigur? Ist es Tätergruppe X? Die Romanfigur sammelt Informationen. Nein, es könnte Gruppe Y sein. Wieder werden Informationen gesammelt. Nein, es ist viel schlimmer. Gruppe Z ist hinter dem Helden her. Jetzt wird es doppelt gefährlich.

Ein quietschendes Türgeräusch und ein heftiger Knall signalisieren das Öffnen und Schließen eines schweren Tors.

Noch während ich mich mit dem Gedanken auseinandersetzte und mir ausmalte, wie die Folter aussehen wird, welche mich zum Sprechen bringen soll, fassen vier kräftige Arme unter meine Schultern und schleifen mich zu einem schweren Holzstuhl.

Wie erkennt der Ich-Erzähler, dass der Stuhl schwer ist? Er wird zu ihm geschleift, darauf gesetzt. Er hat ihn nicht bewegt. Sieht der Stuhl vielleicht massiv aus, weshalb der Erzähler vermutet, dass er schwer sein könnte?

Man muss besonders, wenn man in der Ich-Form schreibt, aufpassen und keine Informationen verwenden, welche die handelnde Person unmöglich exakt wissen kann. Das ist ein „Point-of-View“-Fehler. Manchmal schwer  zu entdecken, weshalb Lektoren oder erfahrene Probeleser wichtig sind.

Hier gleitet der Autor, weil er den durchaus schwierigen Part des Ich-Erzählers nicht beherrscht, in Beschreibungen des allwissenden Erzählers ab. Der allwissende Erzähler weiß, dass der Stuhl schwer ist. Er weiß alles, auch das, was Kilometer entfernt vom Handlungsort geschieht.

Der Ich-Erzähler, die Person, die zum Stuhl geschleift wird, kann die Schwere des Stuhls höchstens anhand des Aussehens vermuten. Solange er den Stuhl nicht selbst bewegt hat oder jemanden beim Bewegen beobachtete, weiß er über Schwere oder Leichtigkeit des Stuhls überhaupt nichts.

Draußen höre ich das Starten eines Motors.

Der eine Gangster macht sich daran, mit Ledergurten meine Unterschenkel am Holzstuhl festzuschnallen. Ohnmacht simulierend fallen Oberkörper und Kopf nach vorne und veranlassen den zweiten Verbrecher, mich auf der Sitzfläche festzuhalten. Seine Pistole baumelt im Halfter vor meiner Nase.

Jetzt oder nie! Adrenalin versetzt die Muskeln in höchste Leistungsbereitschaft. Meine rechte Hand schnellt nach vorne und reißt für den Verbrecher völlig überraschend die Pistole aus dem Halfter. Ich drücke ab.

Der Knall und ein Schmerzensschrei hallen durchs Gebäude. Meine zweite Kugel trifft den am Boden hantierenden überrumpelten Gangster.

Der Ich-Erzähler hat ein wahnsinniges Glück. Erstens ist eine Pistolentasche ein Holster. Pferde tragen Halfter. Damit führt man sie oder bindet sie irgendwo an.

Zweitens war dieser Gangster dumm genug, eine fertig geladene Pistole (d.h. die Patrone steckt bereits im Patronenlager, befindet sich nicht mehr im Magazin) in der Tasche zu haben, deren Sicherung noch dazu auf „Feuern“ eingestellt war. Da die Gefahr eines unbeabsichtigten Auslösens einer Pistole relativ hoch ist, lädt man sie normalerweise erst kurz vor dem Schuss durch und entsichert sie anschließend. Erst nach diesen zwei Aktionen ist eine Pistole feuerbereit.

Wenn es der Plot erfordert, dass diese „lästigen“ Dinge entfallen, könnte man die Art der Waffe ändern, z.B. von Pistole auf Revolver umsteigen. Der Revolver hat kein Patronenlager. Die Munition steckt in einer Trommel und der Zündmechanismus ist simpel. Um auf solche Ideen zu kommen braucht man allerdings etwas, das Recherche heißt.

Recherche, ein sehr schönes französisches Wort. Zwar besitzt der Autor ein Faible für die französische Sprache, aber leider scheint er das Wort Recherche nicht zu mögen. Das ist schade.

Ein guter Autor überlegt bei jeder Handlung in seinem Roman: Kann das tatsächlich so passieren, wie ich mir das vorstelle? Was habe ich getan, um die Logik der Handlung zu garantieren? Wo habe ich Defizite, was muss ich recherchieren? Auf diese Weise hätte der Autor schnell herausgefunden, wie der Fachausdruck für eine Pistolentasche heißt und wie genau eine Pistole funktioniert. Er hätte diese Informationen der Handlung gegenübergestellt, so die Probleme erkannt und lange vor der Veröffentlichung beseitigt.

Schlechte Autoren schreiben einfach irgendwas nach der Methode: Mein Held muss aus der schlechten Situation entkommen. Deshalb reißt er einem Gangster einfach die Pistole aus diesem Ding da, diesem Halfter oder wie das auch immer heißt und schießt auf die Bösewichte. Okay, Problem gelöst, weiter mit der Handlung.

Recherche – manchmal ist sie anscheinend ungewöhnlich schwierig.

Damit endet die Rezension. Ein Lektor hätte Wunder wirken können. Schade, dass der Roman bei einem Verlag veröffentlicht wurde, der alles druckt, solange der Autor bezahlt. Wie man an dem Ausschnitt sehen kann, erhält man als Gegenleistung nichts. Keine sorgfältige Durchsicht, keinen guten Rat nach dem Motto: „Bitte nochmal selbstkritisch überarbeiten und dann in drei Monaten wieder bei uns einreichen.“

Ehrlichkeit gehört nicht zu jedem Businessmodell.

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