Schreibratgeber Lukeman „The First Five Pages“

Im heutigen Beitrag bespreche ich den englischsprachigen Schreibratgeber von Noah Lukeman: „The First Five Pages“. Es gibt einen ähnlichen in deutscher Sprache von H.P. Roentgen „Vier Seiten für ein Halleluja“. Beide behandeln die ersten Seiten eines Manuskripts.

Die Beschäftigung von Schreibratgebern mit den ersten vier bis fünf Seiten eines Manuskripts ist kein Zufall.  Es handelt sich um die Anzahl von Seiten, die Verlagslektoren maximal lesen.  Danach geht der Daumen hoch oder runter. Zumindest im englischen Sprachraum gibt es noch den „50-Seiten Test“. Manuskripte, welche die Hürde der ersten fünf Seiten bewältigt haben, werden bis ca.  Seite 50 gelesen. Findet der Lektor das Buch anschließend immer noch gut, wird es vollständig gelesen. Nicht von ungefähr gibt es deshalb einen Schreibratgeber mit dem Titel „The First 50 Pages“ , allerdings von einem anderen Autor.

Das mit 184 Seiten sehr umfangreiche Buch von Lukeman behandelt die üblichen Fehler, auf die er in seiner Tätigkeit als Lektor immer stieß. Teilweise habe ich den Eindruck, dass so etwas wie Frust aus manchen Kommentaren spricht, Frust über grottenschlechte Manuskripte.

Die von Herrn Lukeman angesprochenen Punkte lassen sich zusammenfassen in: „Überflüssige Adjektive, schlechte Dialoge, Viewpoint, Showing versus Telling, Melodrama statt Spannung usw.“ Lukeman verwendet als Beispiel selbst erstellte Texte, keine Auszüge aus diversen Manuskripten. Abgerundet wird jedes Beispiel mit Übungen. Manchmal sind die Beispiele für mein Empfinden drastisch, aber dafür nicht weniger informativ. Eines davon, betreffend die mehr oder weniger sinnfreie Verwendung von Adjektiven, habe ich nachfolgend übersetzt.

Der Mannschaftswagen fuhr eilig die holprige, steinige Straße hinunter, in engen Kurven, um den großen, fetten Insekten auszuweichen, welche voll gegen die schleimige Windschutzscheibe prallten. Der heiße, schwüle und stickige Tag drang in Wellen durch die offenen Fenster, ließ die Männer ihre verschwitzten, feuchten Augenbrauen mit schmutzigen, fettigen Tüchern reiben und hinterließ Spuren auf ihrer schmutzigen Stirn. Der Gefangene entkam schnell und es wurde zunehmend schwieriger, etwas in dem matten Dunst zu sehen.

Schließlich hielten sie ihn auf der linken Straßenseite an, mit quietschenden und kreischenden Bremsen. Sie sprangen hastig heraus, rannten schnell zu dem langen, dunklen und alten Cadillac. Langsam zogen sie ihre Taschenlampen, sie leuchteten hell auf das blasse, konfuse und erschrockene Gesicht im Auto. Ein Polizist zog seine große, schwere, metallene Waffe und hielt sie hoch über den Kopf. Ein anderer griff nach seinen glatten, silbernen Handschellen und schwenkte sie gefährlich nahe vor dem misstrauischen und besorgten Gesicht des Fahrers. Sie riefen laut, dass der Fahrer des Wagens aussteigen solle. Die Tür öffnete sich langsam, vorsichtig, mit einem Quietschen, Rumpeln und Zittern.

Nach dem Lesen des Textes weiß man, wieso Mark Twain einmal sagte: „Wenn Sie ein Adjektiv finden, erschießen Sie es sofort!“

Viele Begriffe beschreiben die gleiche Idee und überladen deshalb den Text. „Fuhr eilig“ lässt sich beispielsweise mit „raste“ besser beschreiben. Eine Straße kann „holprig“ und „steinig“ sein, eines von beiden genügt jedoch. Man gewinnt als Leser bereits einen guten Eindruck von einer „steinigen“ Straße, „holprig“ vermittelt nur wenig mehr und ist eine überflüssige Zusatzinfo.

Wenn ein Wagen schnell auf einer Straße fährt und gleichzeitig kurvt, um irgendetwas auszuweichen, dann sind diese Kurven eng. Mehr lässt die Physik nicht zu. Lukeman hat auch Probleme mit den „großen“ und „fetten“ Insekten. Beide Worte vermitteln die gleiche Idee, also kann man eines streichen. Gleichzeitig empfiehlt er, sich Gedanken über die Art der Tiere zu machen, die gegen die Windschutzscheibe prallen und nicht nur banal den Begriff „Insekten“ zu verwenden. Je spezifischer man schreiben kann, umso besser.

Insekten prallen im Übrigen immer „voll“ gegen Windschutzscheiben, also ist „voll“ ein überflüssiges Wort. Eine Windschutzscheibe ist nach der Begegnung mit einem Insektenschwarm stets „schleimig“. Auch dieses Wort kann man streichen. „Heiß“, „stickig“ und „schwül“ erzählen das gleiche. Wenn die Außenluft durch die Fenster in ein Auto eindringen kann, so müssen diese wohl offen sein, oder? Ob dies nun in „Wellen“ oder sonst wie passiert, ist egal. Verschwitzte Körperpartien sind immer auch feucht.

Auf diese Weise kann man den ganzen Text durchforsten. Hier das Angebot von Lukeman nach einer kritischen Überarbeitung:

Der Mannschaftswagen raste die steinige Straße hinunter, kurvte, um den Heuschrecken auszuweichen, welche gegen die Windschutzscheibe prallten. Der stickige Tag ergoss sich durch die Fenster, ließ die Männer ihre feuchten Augenbrauen mit Tüchern reiben und erzeugte Streifen auf der Stirn. Der Gefangene entkam schnell und es wurde zunehmend schwieriger, etwas in dem Dunst zu sehen.

Schließlich hielten sie ihn mit quietschenden Bremsen an. Sie sprangen hastig heraus, rannten zu dem dunklen Cadillac. Sie zogen ihre Taschenlampen und beleuchteten das konfuse Gesicht im Wagen. Ein Polizist zog seine Waffe und hielt sie über den Kopf, ein anderer nahm die Handschellen und ließ sie vor dem besorgten Gesicht baumeln. Sie schrien, dass der Fahrer aussteigen solle. Die Tür öffnete sich langsam, mit einem Quietschen.

Der Eindruck vom zweiten Text ist besser. Es werden die Informationen vermittelt, die für das Verständnis der Handlung notwendig sind. Natürlich ist der Text auch weiterhin recht lahm zu lesen, aber die Überladung mit Adjektiven ist zumindest weg. Lukeman betont, dass die Übungstexte nach Beseitigung eines Problems idR noch weitere besitzen. Für den jeweils beabsichtigten Lerneffekt hält er es aber für ausreichend.

Jedes Kapitel in Lukemans Buch endet mit diversen Übungen. Zum Themenkomplex „Adjektive“ hat er folgende parat:

  1. Entfernen Sie jedes Adjektiv von der ersten Seite Ihres Textes und listen Sie sie separat auf. Wie viele sind es? Nun lesen sie den neuen Text laut. Wie liest er sich im Vergleich zu vorher? Schneller? Sind die Hauptideen für den im Text beschriebenen Vorgang immer noch da? (z.B. Verfolgungsjagd, schwüler Tag, verschwitzte Polizisten)
  2. Betrachten Sie die Liste der entfernten Adjektive. Wie viele sind eher gewöhnlich, vermitteln Klischees? Kreuzen Sie jedes an und schreiben Sie daneben eines, dass man eher nicht im Text erwarten würde, das origineller ist. Fügen Sie die Ersetzungen in den Text ein. Lesen Sie ihn laut. Wie klingt er nun? Kann man ihn besser lesen als vorher?
  3. Entfernen Sie jedes Substantiv und jedes Verb auf der ersten Seite Ihres Textes und schreiben Sie diese separat auf. Wie viele sind gewöhnlich oder vermitteln Klischees? Kreuzen Sie sie an und ersetzen Sie sie mit Worten, die man eher nicht erwarten würde. Nun fügen Sie die Ersetzungen in den Text ein. Lesen Sie ihn laut. Wie liest sich der Text nun?
  4. Zum Schluss, schreiben Sie die erste Seite komplett neu. Folgen Sie der Regel, dass Sie nicht jedes Adjektiv oder Substantiv verwenden dürfen. Suchen sie nach besseren Worten. Beobachten Sie, wie Sie diese Regel dazu zwingt, andere Verben und Substantive zu nutzen, die für sich allein stehen können. (z.B. „raste“ als Verb ersetzt „fuhr eilig“) Betrachten Sie die Unterschiede zu Ihrem ersten Entwurf. Welche Sätze klingen für Sie besser? Was sollte man dauerhaft im Text ändern?

Der Schreibratgeber von Lukeman ist meiner Ansicht nach für Anfänger gut geeignet. Ich denke nicht, dass erfahrene Autoren viel aus dem Buch mitnehmen können. Die verwendeten Beispiele sind etwas zu betont schlecht geschrieben und steigern sich leider auch nicht. Gut wäre es gewesen, hätte Lukeman sich für die zweiten und dritten Beispiele zu einzelnen Themenkomplexen bessere Texte ausgedacht. Beispiele wie oben mit der Verfolgungsjagd sind am Anfang ganz niedlich, um Leute mit der Nase auf Probleme zu stoßen. Aber der Lerneffekt wäre meiner Meinung nach größer, würde man nachfolgend mit anspruchsvolleren Texten arbeiten.

Nett sind Anekdoten zwischen einzelnen Kapiteln. So gibt Lukeman Trost für diejenigen, welche von Verlagen abgelehnt wurden. Im Jahre 1969 gewann das Buch „Steps“ von Jerzy Kosinski den US National Book Award for Fiction. Sechs Jahre später wollte der Schriftsteller Chuck Ross die These beweisen, dass unbekannte Autoren am Markt keine Chance haben. Er schrieb deshalb zwanzig Seiten von „Steps“ ab und sandte sie als Entwurf eines Autors mit dem Namen Erik Demos an vier Verlage. Alle schrieben Absagen. Zwei Jahre später schrieb er das ganze Buch ab und sandte es an mehr Verleger und Literaturagenten, u.a. den Verlag Random House, der „Steps“ verlegte, wieder als Werk von Erik Demos. Erneut hagelte es Absagen mit wenig hilfreichen Begründungen. Random House sandte nur ein Formblatt. Insgesamt versagten vierzehn Verlage und dreizehn Literaturagenten darin, ein Buch zu erkennen, welches nicht nur bereits auf dem Markt war, sondern auch einen renommierten Preis gewonnen hatte.

Ich kann das Werk von Herrn Lukeman empfehlen, normales Schulenglisch ist für das Verständnis ausreichend.  Sprache und Beispiele sind bewusst einfach gehalten und für Anfänger konzipiert.

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Bildquelle

  • Lukeman First Five Pages: amazon.com

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