Jeff Gerke: The first 50 pages

Hallo liebe Leser meines Blogs. Die Sommerpause ist vorbei, ich starte mit der Vorstellung eines interessanten Buches von Jeff Gerke. Der Titel: „The first 50 pages“ sagt bereits alles aus über den Inhalt. Aber was hat es mit diesen ominösen ersten 50 Seiten eines Romans auf sich? Warum widmet Gerke sich ausgerechnet diesem Thema?

In der Reihe der eher weniger bekannten englischsprachigen Schreibratgeber ist Gerke mit seinen 117 Buchseiten eine kleine, aber feine Mittelgröße. Dafür widmet er sich ausschließlich den ersten 50 Seiten eines Romanprojektes. Begründet wird dies einerseits mit der Erfahrung, dass maximal 50 Seiten eines neuen Romans wirklich von Verlagslektoren gelesen werden. Meistens sind es eher weniger, manchmal landet ein Skript schon nach dem Lesen der ersten Seite im Papierkorb.

Warum diese von manchen Neuautoren so empfundene Brutalität? Ein Skript nach Lesen der ersten Seite wegwerfen? Dabei kommt die Handlung doch erst so richtig ab Seite 40 in Schwung! Und die tolle Szene auf Seite 55. Wenn der Verlagslektor die erst gelesen hat, dann …

Gerke meint, dass Neuautoren höchstens zehn Sekunden haben um das Interesse eines Lektors zu wecken. Warum nur diese kurze Zeitspanne? Nicht, weil der Lektor, bzw. die Lektorin, gemein ist. Es ist schlicht und einfach ein Zeitproblem. Zwischen zwei Besprechungen oder anderen Terminen stapeln sich ungelesene Manuskripte auf dem Schreibtisch. Müdigkeit ergreift Besitz vom Lektor, das Überstundenkonto ist schon übervoll, der letzte Urlaub liegt zu lange zurück. Aber bis zum nächsten Tag muss der Stapel abgearbeitet sein. Die nächste Konferenz wartet morgen ab 9 Uhr, der Chef will wissen, ob bei den Einsendungen wider Erwarten etwas Vernünftiges dabei ist. Wie reagiert der Durchschnittsmensch? Er liest die erste Seite des Skriptes und sucht nach Gründen für eine Ablehnung. Nur so wird der Stapel schnell kleiner, gibt es Hoffnung, das Büro zu einer einigermaßen gerechten Uhrzeit verlassen zu können.

Also muss nach Gerke die erste Seite bereits den Haken enthalten, an dem der Lektor anbeißt. Das sind für Gerke: Guter erster Satz bzw. Absatz und die Aussicht auf eine interessante Story. Dann blättert der Lektor auf Seite 2 um, evtl. liest er auch die weiteren Seiten. Verliert er durch Autorenfehler das Interesse, ist das Spiel vorbei. Der Papierkorb wartet. Deshalb spricht Gerke von den wichtigen ersten fünfzig Seiten.

In seinen eigenen Worten müssen die ersten Seiten folgende Punkte erfüllen:

You have to engage your reader, first and foremost. You have to introduce your hero. You have to establish the context of the story. You must reveal the genre and milieu and story world. You have to set up the tone of the book. You’ll also be presenting the stakes, introducing the antagonist, establishing the hero’s desires, starting the main character’s inner journey, and getting a ticking time bomb to start ticking down.

And you want to do all these things without boring your reader, losing your reader, dumping backstory on your reader, misleading your reader, insulting your reader’s intelligence, or tipping your hand to your reader.

Ebenso nennt Gerke folgende Gründe, die üblicherweise für die Ablehnung eines Manuskriptes sorgen:

  • Weak first line
  • Starting with a dream scenario
  • Lack of an engaging hook
  • Telling instead of showing
  • Point-of-view errors
  • Shallow characters
  • Lack of beats for pacing and description
  • Stilted dialogue
  • Clumsy fiction craftsmanship
  • Inadequate descriptions of characters and settings (or details that are introduced to the reader too late)
  • Starting the main action too soon
  • Going into flashbacks too early in the story
  • Jumping to a new viewpoint character too early
  • Too little conflict
  • Lack of stakes or a ticking time bomb

In seinem Buch stellt Jeff Gerke diese Ursachen im Detail vor und gibt Vorschläge zu deren Vermeidung. Manches ist altbekannt, wie das immer wieder vorkommende Traumszenario oder eine Romanfigur, die am Morgen aufwacht und so die Handlung in Gang setzt. Immer wieder gern wählen Neuautoren langweilige Erklärungen über die Hintergründe der Handlung (die sogenannte Backstory, zumeist in Form langatmiger Infodumps) oder eine Hauptfigur, die schon in der ersten Szene gedankenversunken irgendwo herumsteht und denkt, und denkt, und denkt und … Schnarch.

Gerke erläutert den gekünstelten Dialog an folgendem Beispiel:

„Hi, Jenny, du siehst heute munter aus.“

„Ja, Charles, ich bin munter. Möchtest du wissen, warum?“

„Ja, ich möchte wissen, warum du heute munter bist. Bitte erzähle es mir.“

„Danke, ich werde es dir sagen. Ich bin munter wegen meiner Tante.“

„Deine Tante? Wieso macht deine Tante dich munter?“

„Oh, Charles, du bist albern. Meine Tante macht mich munter, weil sie da ist.“

„Ich bin nicht albern und ich wusste nicht, dass deine Tante da ist.“

Die Figuren sind überhöflich, nennen einander beim Vornamen und wiederholen die Argumente des jeweils anderen bevor sie antworten. Gerke stellt diesen Dialog in halbwegs realistischer Form vor (hält ihn aber immer noch für verbesserungsfähig).

„Hi, Jenny, du siehst heute munter aus.“

„Ach, ja? Hm, ich denke, es ist wegen meiner Tante.“

Charles runzelte die Stirn. “Etwa deine Tante Gillespie?“

„Nein, Tante Gillespie ist schon seit zwei Jahren tot.“

„Oh!“

Sie zuckte mit den Schultern. „Egal, es ist Tante Elaine. Ich finde es immer klasse, wenn sie vorbeikommt.“

„Wieso?“

In einer weiteren Phase erläutert Gerke, wie man das Unbewusste in Dialoge hineinbringt, den Unterschied zwischen dem, was jemand sagt und dem, was er wirklich meint.

„Hi, Jenny, du siehst heute munter aus.“

Sie knurrte. „Ich habe nicht die ganze Zeit gesoffen, klar?“

Charles sah überrascht aus. “Hey, das meinte ich nicht. Aber seitdem du …”

“Lieber Charlie”, sagte Jenny spöttisch. „Heute siehst du ausnahmsweise weniger albern aus.“

Er lachte. „Mit Albernheit bist eher du aufgewachsen.“

Sie kreiste um ihn. „Im Gegensatz zu?“

“Du weißt es.”

Zum Bereich Clumsy fiction craftsmanship nennt Jeff Gerke diverse Beispiele, aber sein Favorit sind lausige Synonyme des Wortes “sagte”:

Ja“, stimmte er zu.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich.

„Ich wiederhole“, wiederholte er.

Zum Thema „Show don´t tell“ hat Jeff Gerke einen einfachen Tipp. Der Unterschied zwischen Zeigen und Erzählen wird sichtbar durch die Frage: „Kann eine Kamera es sehen?“

Kinkaide hatte Blumen immer geliebt. Selbst als er noch ein Kind war, pflegte er stundenlang in der Sonne im Garten zu graben, Blumen einzupflanzen die sich üblicherweise leider als Unkraut herausstellten. Aber er liebte es und hoffte eines Tages ein Gartenbaufachmann zu werden.

Okay, was sieht die Kamera? Wenn dieser Absatz in einem Kinofilm wäre, was sähen die Zuschauer im Saal?

Nichts. Die Kamera kann nichts sehen, den es wird nur erzählt, aber nichts gezeigt.

Zusammenfassung:

Das Buch von Jeff Gerke enthält einige nützliche Tipps. Das Englisch ist mit normalen Schulkenntnissen gut lesbar, notfalls gibt es noch das gute alte Wörterbuch. Für die Produktion der ersten fünfzig Seiten stellt der Schreibratgeber das notwendige Rüstzeug bereit.

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Bildquelle

  • jeff-gerke: www.amazon.de

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